Auf das Strahlhorn, 4190 m

Südlichster Viertausender der Allalingruppe (Autor: Rose Marie und Gerhard Bleyer)
Von der Bergstation Felskinn leichte Gletschertraverse zur Britanniahütte (siehe Tour 15). Lange sitzen wir am Abend auf dem Klein Allalin. Tief unten im Südosten liegt der Stausee Mattmark. Im Süd-westen machen wir mit dem Fernglas unsere morgige Route aus. Zwei Bergsteiger haben berichtet, dass die beiden Gletscher (Hohlaub und Allalin) heuer sehr aper sind. Ständig muss ein neuer Weg durch das verästelte Spaltensystem gesucht werden, das kostet Zeit und erhöhte Aufmerksamkeit. In der Nacht ist die Luft im Schlafraum unerträglich – öffnet einer das Fenster, schließt der Nächste es wieder. Erst das Läuten eines Weckers macht dem Leiden ein Ende. Wir sind zu siebt und heute morgen die einzigen Seilschaften zum Strahlhorn. Diese Woche sei auf der Hütte nicht viel los, sagt der Hüttenwirt. So herrscht im Gastraum entsprechend gedämpfte Stimmung.
Der Wegverlauf.
Gletscherweg (Aufstieg) zum Adlerpass: Um 5 Uhr Aufbruch von der Hütte. Es ist ziemlich dunkel. Noch etwas steif in den Gelenken geht es über die schuttdurchsetzten Felsen des Hinter Allalin mit gut 100 Metern Höhenverlust auf den Hohlaubgletscher hinab. Kein Laut stört die Stille … knapper Wortwechsel am Anseilplatz … dann Traversieren des Gletschers nach Südwesten. Es ist ein vorsichtiges Tasten durch das wilde Spaltenlabyrinth: umgehen, ausweichen, überspringen …
Bald ist der Schneesattel Punkt 3105 (westl. der 3144 m hohen Felsinsel) erreicht. Nun leichter Abstieg auf den ebenfalls stark zerklüfteten Allalingletscher. Langsam dämmert der Tag herauf. Unter den Felsen des Hohlaubgrates steigt die Route sanft an. Wie ein Feuerball steht die Sonne plötzlich über den Gipfeln im Osten und verwandelt die Schneelandschaft in ein einzigartiges Farbenmeer. Ein vorspringender Ausläufer des Allalinhorns ist zu umgehen. Wir wandern über eine weite Gletschermulde nach Südwesten, dabei den Adlerpass ständig vor Augen. Links davon das schön geformte Strahlhorn, rechts der markant gezackte Grat des Rimpfischhorns unter tiefblauem Himmel. Steil geht es zur Passhöhe hoch (3789 m).
Vom Adlerpass auf den Gipfel: Der Wind fegt Schneefetzen über den 400 Meter höheren Gipfel. Von Italien zieht Quellbewölkung auf. Noch ist nicht zu beurteilen, was dahintersteckt. An der Südseite des steilen, teils vereisten Firnkammes, der sich südostwärts zu einer kleinen Schulter (ca. Höhe 3900) emporzieht, steigen wir weiter hoch. Hier bläst ein wütender Sturm und peitscht das Seil nach Norden. Zehn Minuten später ist der Zauber vorbei. Zum Schluss eine leichte Firnpassage, dann stehen wir auf dem felsigen Gipfel des Strahlhorns (4190 m). Großartig ist die Aussicht nach Süden: Der Blick gleitet über den Weissgrat hinweg auf das breitgelagerte Monte-Rosa-Massiv – tief unten fließt der Gornergletscher ins Tal. Unmittelbar vor uns im Nordwesten das imposante Rimpfischhorn. Erneut kommt ein harter Wind auf, zugleich ziehen am Himmel bedrohliche Wolken. Eine Wetterveränderung kündigt sich an.
Der Abstieg: Beim Abstieg zum Pass kommen uns zwei Männer entgegen – ein Bergführer und sein Gast, ein zu stark beleibter Mann mit hochrotem Gesicht, das Seil um die Taille geschlungen, von den aufmunternden Worten des Führers begleitet ... Ab und zu bleiben die beiden stehen, damit der schwer atmende Mann neue Kräfte sammeln kann.
Auf der Firnschneide ist es noch stürmischer geworden. Der Adlerpass lädt nochmals zu kurzer Rast ein, weil die Sonne für einen Augenblick durchkommt. Anschließend geht es hinab auf den Allalingletscher, der wie ein großes, weißes Laken wirkt. Der Schnee ist weich geworden. Es fängt an zu schneien. Trotz schwarzer Wolken blendet der Schnee so sehr, dass die Gletscherbrille unerlässlich ist. Beim Blick zurück stellen wir fest, dass sich über dem Strahlhorn Bedrohliches zusammengebraut hat – ein faszinierendes Naturschauspiel. Nieselregen setzt ein, fein und durchdringend. Da denkt man schon daran, wie schön es auf der warmen Hütte wäre. Dann beginnt die heikle Spaltenregion. Eine Seilschaft schließt sich uns an – keiner geht jetzt gerne als Erster.
Die Aufstiegsspur ist verschwunden: von der Sonne geschmolzen, vom Winde verweht – einfach dahin. Am Morgen noch vorhandene Schneebrücken sind eingebrochen oder nicht mehr vertrauenerweckend. Ständig müssen wir neue Übergänge suchen. Endlich der Schneesattel (P. 3105) – dann auf den Hohlaubgletscher hinab. Nebel hat uns völlig eingehüllt. So beginnt jetzt erst recht ein Suchen und Tasten. Unvermittelt endet der Gletscher am morgendlichen Anseilplatz – wir sind froh, dass wir die Gletscherpassagen bei diesen Verhältnissen gut überstanden haben. Über den Hinter Allalin nochmals 100 Höhenmeter ansteigend ist die Britanniahütte schließlich erreicht.
Draußen schneit es lautlos. Zu Hause würden sie uns für verrückt er-klären, vor einer Stunde taten wir es auch noch. Doch jetzt ist die Welt in Ordnung. Morgen geht es zurück zum Felskinn und mit dem Alpin Express nach Saas-Fee.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour0 km
Höhenunterschied1450 m
Dauer8.00 h
Schwierigkeit
StartortSaas-Fee (1792 m) im Saastal.
AusgangspunktBergstation Felskinn (2991 m).
EndpunktWie Ausgangspunkt.
Tourencharakter2-tägige reine Gletschertour. Berg- und Gletschererfahrung unbedingt erforderlich, sonst nur mit Bergführer.
Beste Jahreszeit
KartentippSAW-Wanderkarte 1:50 000, Blatt 284 T (Mischabel; mit eingezeichneten Routen).
Verkehrsanbindungsiehe Tour 10. Von Saas-Fee/Chalbermatten mit dem Alpin Express (Luftseilbahn) aufs Felskinn; Rückkehr nach Saas-Fee ebenfalls mit der Felskinnbahn.
Unterkunft
Britanniahütte (3030 m), SAC-Sektion Genève, 134 Schlafplätze, bewartet: Juli bis September, Tel. 027/957?22?88 (Hütte), 027/957?21?80 + 027/957?23?45 (Tal).
Tourismusbüro
Saas-Almagell und Saas-Grund, siehe Tour 15.

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