Auf das Nadelhorn, 4327 m

Hüttenanstieg siehe Tour 17. Ab Mischabelhütten Gletscher- und Felstour. Unbedingt Berg- und Gletschererfahrung erforderlich (sonst nur mit Bergführer). 2-Tagestour. (Autor: Rose Marie und Gerhard Bleyer)
Aufstieg zum Windjoch -  Als wir von den Mischabelhütten aufbrechen, ist es noch dunkel draußen. Einige Sterne stehen am Himmel. Die bereits angelegten Stirnlampen werden eingeschaltet. Hinter dem Hüttenkomplex führt eine schwach erkennbare Spur direkt über die Felsrippe empor. Ab und zu blinkt das Licht einer Lampe zwischen den Felsen hindurch. Nach einer knappen Stunde sind wir am Anseilplatz. Ein klarer Morgen verdrängt die Schatten der Nacht. Unsere Seilschaft, nicht nur durch das Seil verbunden, zieht ihre Spur über den Hohbalmgletscher. Breite Spalten sind über Schneebrücken zu queren, sie sind in der Nacht hart gefroren – werden sie uns am Mittag oder Nachmittag, durch den Einfluss der Sonne weich geworden, auch noch tragen? In der steilen Eiswand unterhalb der Lenzspitze bewegen sich zwei Seilschaften – eine von ihnen im unteren Drittel tut sich sehr schwer. Die sind viel zu spät dran und werden bald umkehren müssen, sagt ein junger Bergführer vor uns. Der Anblick der Bergsteiger in diesem menschenfeindlichen Gelände beeindruckt uns sehr: Wie viel Mut und Können gehören dazu, in eine solche Wand einzusteigen? Gerade als wir durch eine Mulde des Gletschers Richtung Windjoch aufsteigen, klettert die Sonne im Osten über die Bergkette und wirft einen zartrosa Farbschleier auf die vergletscherte Landschaft. Für die Kletterer in der Eiswand ist jetzt Eile geboten. Bald beginnt sie zu leben, wenn sich mit zunehmender Sonneneinstrahlung Eisbrocken und Steine lösen und herabstürzen. Wir folgen weiter der Spur über den Steilhang gegen das Ulrichshorn zu und stehen nach einer Linkswende bald auf dem Windjoch (3850 m). Vom Windjoch über den Nordostgrat zum Gipfel: Steil fällt der Riedgletscher nordwärts ins Mattertal ab. Ein scharfer Wind streicht über das Joch, während wir dem nach Südwesten verlaufenden Gipfelaufbau des Nadelhorns zustreben. Zunächst in mäßiger Steigung über den anfangs breiten, schneebedeckten Grat. Bald wird er schmäler, die Felsen sind von Schnee und Eis durchsetzt. Hier setzt das Gehen mit Eisen absolutes Vertrautsein damit voraus, zumal das Gestein häufig locker und brüchig ist. Griffe und Tritte sind zu prüfen. Einige Gruppen kehren um. Je mehr wir an Höhe gewinnen, desto pittoresker wirkt der Berg, an dessen Normalroute sich Dutzende von Menschen im Auf- und Abstieg bewegen. Einige Alpinisten provozieren im Abstieg ihre Seilgefährten, sich rücksichtslos den Weg frei zu bahnen: »Wird’s denn bald? Oder wollt ihr hier übernachten?« Hemmungslos drängen sie sich an den Heraufsteigenden, die zum Warten gezwungen sind, vorbei – einerlei, wie exponiert deren Standplatz gerade ist. Das Recht der Rücksichtslosen – da sind Bergkameradschaft und Fairness nur schwer zu finden. So etwas haben wir noch nirgends erlebt. Jetzt wird uns klar, warum sich die Gruppen am Morgen auf der Hütte so antrieben, die Ersten zu sein, denn am Nadelhorn haben die absteigenden Seilschaften Vorfahrt. Wo bleibt bei dieser Hektik für den Einzelnen das Genießen und Erleben? Wir lassen uns von dem Verhalten solcher unkameradschaftlichen Seilschaften nicht anstecken. Umso ruhiger wird es nachher auf dem Gipfel sein. Endlich haben uns die Eiligen, die armen Getriebenen, passiert. Der Grat wird ungefährlicher als zuvor, weil niemand den anderen aus der Spur drängt. Das luftige Steigen am Seil in leichtem Fels vor (oder hinter) guten Kameraden macht jetzt richtig Spaß. Dann ist der höchste Punkt des Nadelhorns, auf dem ein Signal steht (4327 m), erreicht. Uns vieren gehört der Gipfel jetzt ganz allein. Wir genießen das herrliche Panorama bei einer Brotzeit und heißem Tee, die Hektik des Aufstieges bald vergessend. Intensiv glitzert der Hohbärggletscher in der Sonne. Darüber baut sich der doppelgipfelige Dom auf. Den Anblick der zahlreichen imposanten Gipfel möchte man nie vergessen – ohne die vielen Menschen wird man still hier oben. Abstieg über das Windjoch zu den Mischabelhütten: Nach langer Gipfelrast klettern wir wieder ab, jetzt ohne lange Zwangspausen, denn die wilden Gruppen sind längst auf den Mischabelhütten oder beim Abstieg ins Tal. Völlig unerwartet beginnt es sich einzutrüben. Nebelfetzen steigen auf, ballen sich zu Wolkenbündeln zusammen. Schon ist vom Nadelhorn nichts mehr zu sehen. Geplant hatten wir, vom Windjoch noch auf das Ulrichshorn zu steigen, doch bei dem aufkommenden Wetter verzichten wir darauf und eilen den Gletscher hinab. Die Spalten sind jetzt teilweise so breit, dass wir gut gesichert mit großem Sprung hinübersetzen müssen. Das Springen mit Eisen erfordert besondere Vorsicht. Am Anseilplatz werden Eisen und Seilzeug abgelegt. Über die Felsrippe hinab erreichen wir den Hüttenkomplex. Rückkehr nach Saas Fee: Es beginnt zu regnen. Wir wollen keine zweite Nacht bleiben. Hoffentlich verschlechtert sich das Wetter nicht zu sehr. Die Felsen sind durch die Nässe rutschig, das erfordert achtsames Absteigen. Stellenweise gleiten wir mehr abwärts als dass sicherer Tritt gefasst werden kann. Die wenigen Steigspuren sind kaum zu erkennen. Jedoch verleiht die Kabelversicherung ein gewisses Maß an Sicherheit. Schließlich ist bei Punkt 2850 der Weg erreicht und es geht in unzähligen Kehren talwärts. Die Knie sind weich nach 1000 Höhenmetern Aufstieg zum Gipfel und 2500 Höhenmetern Abstieg bis ins Tal. Der Rucksack drückt. Regen läuft über das Gesicht. Mit großen Schritten eilen wir durch Saas Fee. Das Nadelhorn ist weit weg … Tour-Ausgangsort gut erreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Höhenweg Wanderung

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour14 km
Höhenunterschied2550 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktSaas Fee (1792 m) im Saastal, oder Bergstation Hannig (2350 m).
TourencharakterOft werden in einem Atemzug die Namen Täschhorn, Dom und Lenz-spitze genannt. Der Dom ist der höchste Gipfel der Mischabelgruppe und zugleich höchster Gipfel auf rein schweizerischem Boden, und die Lenzspitze ist berühmt durch die Steilheit ihrer Nordnordost-Eiswand. Nadelhorn und Lenzspitze verbindet ein Teil des Nadelgrates miteinander. Seine Überschreitung gilt als eine der großartigsten Berg-fahrten. Dieser Gang über die Gipfel von fünf Viertausendern ist ein-zigartig und fasziniert jeden Hochalpinisten. Da kann das Bergsteigen und die Freude am Klettern fast zu einem Höhenrausch führen. Auf der Normalroute das Nadelhorn zu machen, ist zwar weniger an-spruchsvoll, jedoch absolut lohnend. Unsere Wiener Freunde sind mit von der Partie. Auf der Hüttenterrasse in der Sonne sitzend, lässt es sich gut faulenzen. In kurzen Abständen kommen von Saas Fee Berg-steiger herauf. Sie schwitzen und schnaufen. Vor wenigen Stunden schleppten wir uns ebenso die letzten Meter hoch und setzten die schweren Rucksäcke erleichtert vor der Hütte ab. Lang aber schön war der Weg aus dem Tal herauf durch den Stafel-wald mit seinen riesigen, uralten Lärchen. Später den Triftwald durch-streifend zur rasigen Kuppe von Schönegg hoch – am Sonnenhang das Konzert der Grillen. Noch lagen fast 1000 Höhenmeter zur Hütte vor uns. Endlos zog sich der Weg unter dem Distelhorn empor, bis endlich ab Höhe 2850 das kabelversicherte Klettern in leichtem Gelände begann. In steilen kurzen Kehren ging es über Bänder und Rippen – hier ein Griff, dort ein Tritt – dann über Felsbrocken und auf Steigspuren, bis unmittelbar unter dem Hüttenkomplex der Weg breiter wurde … Plastisch heben sich im Osten Weissmies, Portjengrat und Stellihorn gegen den Himmel ab. Auf dieses Wetter warten wir nun schon seit acht Tagen. Bizarr wirken Allalinhorn und Alphubel im Gegenlicht. Als die Sonne hinter dem Dom versinkt, ziehen Schneefahnen um den Gipfel. Im Gastraum ist es voll und laut. Bei gutem Wetter herrscht hier Hochbetrieb und es kann (zwar selten) auch vorkommen, wie wir es einmal erlebten, dass die Hütten dem Ansturm der Alpinisten kaum gewachsen sind. Da reicht der Platz zum Essen nicht für alle Bergsteiger gleichzeitig, also muss in Etappen gespeist werden. Wir ziehen uns bald nach dem Essen aufs Lager zurück, denn einige Personen warten noch auf einen Sitzplatz zum Abendessen. Aus dem Gastraum dringt ein vielfältig gemischter Geräuschpegel herauf - Raunen, Murmeln und klapperndes Geschirr – später kommt das Rücken von Stühlen und Tischen hinzu, für die zuletzt Einge-troffenen werden Notlager hergerichtet. Kurz nach 22 Uhr ist Ruhe. Um 4 Uhr setzt das große Wecken ein – wieder Unruhe und Poltern. Als wir den Gastraum betreten, sind schon alle Plätze besetzt. Eine große Spannung liegt in der Luft. Einige Bergsteiger treiben ihre Kameraden zur Eile an. Wir lassen uns Zeit, schließlich können nicht alle gleichzeitig aufbrechen, geschweige denn auf dem Gipfel stehen. Ungeduldige essen im Stehen. Einige streichen ihr Brot auf dem Deckel einer Mülltonne, Stirnlampe und Wollmütze auf dem Kopf – grotesk. Eine Bergsteigerin sucht ihren rechten Stiefel, während ihre Kameraden bereits fertig in der Tür stehen. Es ist ein heilloses Durcheinander. Die ersten (schnellsten) Nadelhorn-Aspiranten verlassen die Hütte, bald folgen die nächsten (unruhigen). Tische und Bänke gleichen jetzt einem Schlachtfeld. Plötzlich geht dann alles ganz ruhig zu, fast wie beim Frühstück in der Pension. Schwierigkeit: Gletscher Dauer: 12–13 Std. je nach Verhältnissen und Seilschaften am Grat zum Nadelhorn (bei Seilbahnbenutzung wie oben 2 Std. weniger); Saas Fee – Schönegg – Beginn des Felsbandes (Höhe 2850) 23/4 Std.; Höhe 2850 – Mischabelhütten 1 Std.; Mischabelhütten – Windjoch 11/2 Std.; Windjoch – Nadelhorn 2 Std.; Nadelhorn – Windjoch 11/4 Std.; Windjoch – Mischabelhütten 3/4 Std.; Mischabelhütten – Schönegg 13/4 Std.; Schönegg – Saas Fee 3/4 Std. Höhenunterschied: ? 2550 m (bei Seilbahnbenutzung Saas Fee – Hannig 450 m weniger), ? 2550 m (bei Seilbahnbenutzung wie oben 450 m weniger); Saas Fee – Schönegg – Beginn des Felsbandes (Höhe 2850) ? 1100 m; Höhe 2850 – Mischabelhütten ? 450 m; Mischabelhütten – Windjoch ? 520 m; Windjoch – Nadelhorn ? 480 m; Nadelhorn – Windjoch ? 480 m; Windjoch – Mischabelhütten ? 520 m; Mischabelhütten – Schönegg ? 900 m; Schönegg – Saas Fee ? 650 m.
Beste Jahreszeit
KartentippSAW-Wanderkarte 1 - 50000, Blatt 284 T (Mischabel; mit eingezeichneten Routen).
VerkehrsanbindungÖV - mit der Matterhorn Gotthard Bahn nach Stalden und von dort mit dem Bus nach Saas Fee. Auto: von Visp/ Rhonetal südwärts ins Vispertal nach Stalden, hier links ab ins Saastal und über Saas Grund nach Saas Fee. Parkplatz am Ortseingang. Vom Parkplatz in den Ort und dem Hinweis Mischabelhütten folgen, oder Richtung Wildi in gut 10 Min. zur Talstation der Seilbahn und Bergfahrt zum Hannig.
Gastronomiesiehe Tour 17.
Höchster Punkt
Nadelhorn, 4327 m
Unterkunft
siehe Tour 17.
Tourismusbüro
Saas Fee, siehe Tour 15.

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