Auf das Finsteraarhorn, 4273 m

Klassisches Hochtourenziel (Autor: Rose Marie und Gerhard Bleyer)
Wieder einmal zu viert in den Bergen unterwegs: Gerd, Günter, Walter und Rose Marie. Wir sind ein gutes Team am Berg, allerdings weder Draufgänger noch Superleute, aber gemeinsam können wir uns schon einiges zutrauen. Diesmal steht etwas ganz Besonderes auf dem Tourenplan – das Finsteraarhorn… Bei dieser anspruchsvollen Bergtour werden wir tief eintauchen in die Region »Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn«, die seit Dezember 2001 zum Weltnaturerbe zählt (siehe hierzu auch Vorspann der Tour 35) und seit Juli 2008 den Namen »UNESCO Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch« trägt.
Der Wegverlauf.
Über Märjelensee und Grossen Aletschgletscher zur Konkordiahütte.
Von Fiesch geht es mit der Seilbahn zum Kühboden hoch. Von hier auf dem Herrenweg um den Tälligrat herum zur Märjelenalp mit dem aufgestauten Vordersee. Von dem einst vielgerühmten Märjelensee ein Stück weiter ist außer einer kleinen Lache kaum noch etwas zu sehen (s.a. Tour 35). Nun dem felsigen Südwesthang des Strahlhorns entlang und nach kurzem Abstieg über blanke Felsplatten (teils gesichert) auf den orografisch linken (östl.) Rand des Grossen Aletschgletschers. Da liegt er dann vor uns, der längste Eisstrom der Alpen: fast zwei Kilometer breit und vom Konkordiaplatz bis zu seinem Abfluss in die Massa etwa 14 Kilometer lang. Der Gletscher ist in nördlicher Richtung anfangs nahe der Mittelmoräne, später zwischen östlicher Seitenmoräne und Mittelmoräne je nach Verhältnissen unschwierig zu begehen. Steigeisen können angenehm sein, vor allem frühmorgens.
Der Weg zieht sich in die Länge und das monotone Steigen ist ermüdend. Je mehr man sich dem Konkordiaplatz nähert, desto zerrissener wird der Gletscher – ein wahres Labyrinth von Kreuz- und Querspalten. Da heißt es achtsam sein. Offene Spalten können übersprungen, andere müssen weiträumig umgangen werden. Heimtückisch sind die von lockerem Schnee trügerisch zugedeckten kleineren Spalten. Spätestens hier wird jedem bewusst, wie wichtig das Gehen am Seil ist. Endlich sind die Hüttenfelsen erreicht, die von Westen her über eine Eisentreppenanlage erstiegen werden. Die Konkordiahütte steht auf einem Plateau (2850 m) in der Westflanke des Faulberges 100 Meter über dem Konkordiaplatz, der arktischen Landschaft gleichsam entrückt.
Über die Grünhornlücke zur Finsteraarhornhütte.
Am nächsten Morgen wölbt sich ein sternenklarer Himmel über die noch schlafende Landschaft. Beim Abstieg auf den Konkordiaplatz wird es bereits Tag mit einem Wetter wie im Bilderbuch. Erste warme Sonnen-strahlen berühren die Jungfrau über dem Jungfraufirn, tauchen sie in rotgoldene Farben. Wir steigen nach Osten den Grüneggfirn empor zur Grünhornlücke (3280 m). Völlig neue Eindrücke tun sich auf. Der Anblick des Finsteraarhorns unter stahlblauem Himmel ist gewaltig. Auffallend die schwarzen Felsgrate im Gipfelaufbau – gleichmäßig fließen sie auf den Gletscher zu. Von der Grünhornlücke wird noch der Weissnollen mitgenommen. Eine Stunde nur braucht es un-schwierig auf den Gipfel (3594 m). Der Blick gleitet noch einmal nach Westen über das Gletschermeer hinweg zum Aletschhorn, daneben die Lötschenlücke. Dann geht es in der Ostflanke des Gipfels abwärts auf den Fieschergletscher. Wenig später ist die 2003 neu erbaute, großartig gelegene Finsteraarhornhütte (3048 m) erreicht.
Aufstieg zum Hugisattel.
Es ist Freitag, einer jener Bergtage, die man nicht so leicht vergisst. Kurz nach vier Uhr morgens verlassen wir die Hütte und treten in die Dunkelheit hinaus. Zwei Seilschaften sind schon vor uns aufgebrochen, junge drahtige Burschen, kein Gramm Fett zu viel. Gespenstisch flackert das fahle Licht ihrer Stirnlampen. Wegspuren leiten im Geröll auf eine Firnfläche und über diese empor in den Sattel nördlich von Punkt 3231. Längst ist die Nacht dem Morgen gewichen. Jetzt werden Seilzeug und Steigeisen angelegt. Steil zieht sich die Route auf dem Gletscher (Spalten) nach Norden gegen den Südwestgrat hoch. Über Schutt wird der »Frühstücksplatz« (3616 m, im Südwestgrat) erreicht. Kurze Rast. Schwere Wolken am Himmel wirken nicht gerade vertrauenerweckend. Was für ein Tag war das gestern – echtes Finsteraarhornwetter. Der Südwestgrat ist horizontal nach Norden zu dem vom Hugisattel herabfließenden Gletscher hin zu queren. Über diesen geht es steil nordostwärts höher. Vorsicht bei Spalten und Schründen. Die Spur führt schließlich wenig schwierig in den 4094 Meter hohen Hugisattel hinein.
Über den Nordwestgrat zum Gipfel.
Das folgende steile, häufig vereiste Firnfeld südöstlich des Sattels erfordert sicheren Umgang mit Seil, Pickel und Steigeisen. Wir betreten den oberen Teil des Nordwestgrates, dessen Gneisfelsen bei guten Verhältnissen in mäßig schwieriger Kletterei zu ersteigen sind. Zwar stellt der Anstieg technisch keine Probleme dar, erfordert jedoch gute Kondition und bei Vereisung absolute Sicherheit beim Gehen mit Eisen im firndurchsetzten Fels. Der Gang auf der Himmelsleiter vom Hugisattel zum Gipfel ist außergewöhnlich. Fortwährend vermittelt er prächtige Tiefblicke und ungeahnte Fernsichten. Den höchsten Punkt des Finsteraarhorns (4273 m) betreten wir dankbar und still.
Abstieg zur Finsteraarhornhütte.
Nach Eintrag ins Gipfelbuch geht es den Nordwestgrat wieder hinab, jetzt mit besonderer Vorsicht, denn bei einer anspruchsvollen Tour passieren gerade beim Abstieg leicht unverzeihbare Fehler. Vom Hugisattel gleitet der Blick noch einmal über den Grat hinauf. Alle Anspannung ist verflogen, da ist nur noch das Gefühl des Gelöstseins und der Dankbarkeit. Wir stapfen über den jetzt sulzigen Gletscher abwärts, queren den Südwestgrat zum steilen Firnhang hin und steigen nach Süden zum Anseilplatz ab. Bis zur Hütte ist es dann nicht mehr weit. Nach dem Abendessen wird beim Krug Rotwein noch über die gelungene Tour gesprochen; doch dann gewinnt die Müdigkeit nach diesem anstrengenden Tag die Oberhand und alle suchen zeitig die Schlafplätze auf. Morgen soll es auf der Anstiegsroute über Grünhornlücke, Konkordiaplatz und Grossen Aletschgletscher zum Kühboden zurückgehen (unsere Empfehlung für Ihren Rückweg).
Wanderung in die Stille über Studerfirn und Oberaarjoch.
Unser Rückweg sah dann schließlich ganz anders aus, als wir es geplant hatten: In der Nacht werde ich wach vom lautlosen Schneefall und trete ans Hüttenfenster: große duftig weiße Schneeflocken fallen vom Himmel. Sie haben es hier nicht so weit wie bei uns daheim – ihr Weg ist fast 3000 Meter kürzer. Sie tanzen verspielt im Winde, damit ihr kurzes Leben nicht gar so eintönig verrinnt. Dann liegen sie da, eine nach der anderen und decken alles liebevoll zu, auch die dicken roten Wollsocken, die am Abend draußen liegenblieben. Lüften sollten sie. Bald wird man nur noch ahnen können, wo sie lagen.
Am Morgen herrscht überall großes Erstaunen, weil es in der Nacht gut zwanzig Zentimeter Neuschnee gegeben hat. Die Sonnenterrasse gleicht einem weißen Laken. Beim Frühstück wird an allen Tischen beraten, was zu tun ist. Wer sein Finsteraarhorn »in der Tasche« hat oder sich am Ende einer Tourenwoche befindet, will natürlich nicht hier am Ende der Welt einschneien. Eine Gruppe aus Grindelwald muss auf alle Fälle zum Grimselpass, weil ihr Führer am nächsten Tag bereits neue Kundschaft hat. Wir sehen es als tolle Chance an, diese uns unbekannte Route kennenzulernen. Alleine würden wir sie bei solchen Verhältnissen wahrscheinlich nicht angehen, aber der Bergführer ist damit einverstanden, wenn wir uns anhängen. »Seht nur zu, dass Ihr unser Tempo mithaltet«, sagt er noch. Dann sind sie auch schon draußen.
Von den Hüttenfelsen eilen wir hinab auf den Fieschergletscher, ein kurzes Stück an seinem orografisch linken Rand abwärts und bei Punkt 2900 nach Nordosten. Die Grindelwalder sind sehr schnell und gleichen bald nur noch winzigen schwarzen Punkten. Ihre Spur zieht sich gegen die Gemslücke hoch. Das ist der tiefste Einschnitt im Südostgrat des Finsteraarhorns und dem Finsteraar-Rothorn. 500 Meter Anstieg durch ein steinschlaggefährdetes Schuttcouloir liegen vor uns. Wir sind froh, die schwach ausgeprägten Tritte im firndurchsetzten Geröllhang nutzen zu können. Über Felsbänder und ein mäßig geneigtes Schneefeld geht es schließlich in die Gemslücke. Es ist ziemlich diesig und von der Gruppe ist nichts mehr zu sehen. Doch wir vier sind gut in Form und haben ein sicheres Gefühl. Es schneit noch immer. Über dem Studerfirn liegt eine melancholische Stimmung. Schwere Wolken hängen tief herab, fast erdrückend. Der Blick schweift nach Osten. Fern, sehr fern das Oberaarjoch, unsere nächste Etappe. Das Seil straffer zum Vordermann gespannt, geht es weiter. Wir müssen gut aufpassen, denn überall lauert die Gefahr durch verdeckte Spalten. Die Spur der Gruppe ist längst von Wind und Schnee zugedeckt. Nur fünfzig Meter über dem Oberaarjoch klebt die gleichnamige SAC-Hütte einem Schwalbennest gleich in den Felsen. Der Wind wirbelt den losen Schnee über das Hüttendach und über unsere Köpfe hinweg. Einen Moment nur zögern wir, möchten bleiben. Aber der Wunsch, aus dieser großen Einsamkeit herauszukommen, ist stärker, auch wenn bis zum Oberaarsee noch ein sieben Kilometer langer Gletscherhatscher vor uns liegt. Dann haben wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Wie gut das tut. Nun geht es über die Staumauer zum Nordufer des Sees und auf der asphaltierten Werksstraße zum Grimselpass, der heute wie ausgestorben daliegt. Kein Mensch ist auf der Straße, auf die man nicht einmal einen Hund jagen würde – kein Auto rollt über den Pass. Nahezu acht Stunden ohne Pause sind wir unterwegs, ein wenig müde, aber glücklich. Wetter, Schnee und Anstrengung sind bald vergessen. Was bleibt, ist die Erinnerung an erlebnisreiche Bergtage, nicht zuletzt an den einsamen Weg in die Stille über Studerfirn und Oberaarjoch.
Varianten für den Rückweg.
1. Finsteraarhornhütte – Gemslücke – Studerfirn (sehr spaltenreich!) – Oberaarjoch – Oberaarjochhütte – Oberaargletscher – Grimselpass (per Bus zurück ins Rhonetal): 500 m Auf- und 1350 m Abstieg, 6–7 Std., nur mit Bergführer;
2. Finsteraarhornhütte – Fieschergletscher – Grünhornlücke – Grün-eggfirn – Konkordiaplatz – Aletschfirn – Lötschenlücke (Hollandiahütte) – Langgletscher – Fafleralp (per Bus zurück ins Rhonetal): 750 m Auf- und 1850 m Abstieg, 9½ Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour25 km
Höhenunterschied3230 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
StartortFiesch (1050 m) im Rhonetal/Goms.
AusgangspunktZwischenstation der Fiesch-Eggishornbahn auf dem Kühboden (2221 m).
Endpunktwie Ausgangspunkt
TourencharakterDie über weite Gletscherflächen führende Hochtour mit anspruchsvoller Gipfelbesteigung setzt solide Berg- und Gletscherfahrung voraus sowie sicheren Umgang mit Steigeisen auch in vereistem Fels; sonst nur mit Bergführer. Ausdauer und Kondition erforderlich.
Beste Jahreszeit
KartentippSAW-Wanderkarte 1:50 000, Blatt 264 T (Jungfrau; bis auf Gletscher mit eingezeichneten Routen).
VerkehrsanbindungMit der Matterhorn Gotthard Bahn oder mit Pkw von Brig nach Fiesch (auch Bus). Oder über den Grimsel- bzw. den Furkapass. Von Fiesch mit der Seilbahn zum Kühboden. Rückkehr: wie Anfahrt.
GastronomieHotels auf dem Kühboden (2221 m) sowie Schutzhütte am Vordersee/ Märjelenalp (2361 m); Hüttenwart: Juni-Oktober, Tel. 027/971??47?83. Konkordiahütte (2850 m), siehe Tour 34. Finsteraarhornhütte (3048 m), 2003 neu aufgebaut; 110 Schlafplätze, bewartet: Mitte Juli bis Mitte September, Tel. 033/855?29?55 (Hütte), 033/853?57?34 (Tal). Oberaarjochhütte (3258 m), 60 Schlafplätze, bewartet: Juli bis September, Tel. 033/973?13?82 (Hütte), 033/973?13?82 (Tal).
Unterkunft
Hotels auf dem Kühboden (2221 m) sowie Schutzhütte am Vordersee/ Märjelenalp (2361 m); Hüttenwart: Juni-Oktober, Tel. 027/971??47?83. Konkordiahütte (2850 m), siehe Tour 34. Finsteraarhornhütte (3048 m), 2003 neu aufgebaut; 110 Schlafplätze, bewartet: Mitte Juli bis Mitte September, Tel. 033/855?29?55 (Hütte), 033/853?57?34 (Tal). Oberaarjochhütte (3258 m), 60 Schlafplätze, bewartet: Juli bis September, Tel. 033/973?13?82 (Hütte), 033/973?13?82 (Tal).

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