Martigny – Aosta

Mittelschwer; 11% Höchststeigung an längeren Abschnitten bei der Auffahrt zum Großen-St.-Bernhard-Pass (Autor: Rudolf Geser)
15 km
1526 m
5.00 h
Wer auf der gestrigen Etappe das kleine Kettenblatt noch geschont hat, wird es heute brauchen. Es geht auf den Großen-St.-Bernhard-Pass in 2473 m Höhe. 2002 Höhenmeter und 43,5 Streckenkilometer bei 11% Höchststeigung sind dabei bei der Auffahrt zu bewältigen. Dies ist allerdings nur der Auftakt zu einem der größten und eindrucksvollsten Unternehmen, das man als Radfahrer im Alpenraum überhaupt angehen kann: der Route des Grandes Alpes. Sie nimmt ihren Ausgang im kleinen Grenzstädtchen Martigny, unweit des Genfer Sees am Nordfuß des Großen-St.-Bernhard-Passes gelegen, und endet knapp 600 km später an der Côte d’Azur in Nizza.Dazwischen liegt der vielleicht wildeste und noch ursprünglichste Teil der Alpen, durch den sich die Straße in einem Wechsel von tiefen Schluchten, einsamen Hochtälern und blühenden Almwiesen bis hinauf in kahle Gipfelregionen ihren Weg sucht. Nicht weniger als acht Pässe, darunter die höchsten der Alpen, sind dabei zu überwinden, und wenn es noch etwas braucht, um das Außergewöhnliche dieser Route zu dokumentieren, dann wäre es vielleicht die Tatsache, dass die Strecke nur in einem kurzen Zeitraum im Jahr überhaupt zur Befahrung freigegeben ist. Erst Ende Juni gelingt es den Straßenbauämtern, die Passübergänge von den hartnäckigsten Schneeresten zu befreien, bevor die Straße Ende September schon wieder unter der Last des Neuschnees versinkt. Aber auch während dieses Zeitraums kann es wegen Schneefällen oder Murenabgängen immer wieder zu Teilsperrungen der Strecke kommen.Diese Ausführungen sollen Ihnen zwar die Gefahren des Hochgebirges vor Augen halten, Sie jedoch in keinem Fall von einer Befahrung abhalten. Sie versäumen sonst eines der unvergesslichsten Erlebnisse, die der Alpenraum zu bieten hat.Unser Ausgangsort Martigny liegt im breiten Talboden der Rhône, wo diese einen scharfen Knick nach Nordwesten zum Genfer See macht, am Eingang des Val d’Entremont. Schon die Kelten erkannten um 500 v.Chr. die günstige Lage und gründeten hier die Siedlung Octodorus oder Octodorum. Um 57 v.Chr. schickte Julius Cäsar im Verlauf der gallischen Eroberungskriege eine Legion hierher, die vorerst den Auftrag hatte, hier zu überwintern. Sie wurde jedoch von den Kelten bis in die Gegend von Genf zurückgeschlagen. Die Kelten konnten sich noch einige Zeit behaupten, aber im Jahre 15 v.Chr. wurden sie im Rahmen eines groß angelegten römischen Feldzugs gegen die Räter und die Vindeliker, der bis ins bayerische Alpenvorland vorstieß, förmlich überrannt.Wer sich näher mit der Geschichte des Ortes auseinandersetzen möchte, sollte nicht versäumen, das Museum der »Fondation Pierre Gianadda« in der rue du Forum 59 aufzusuchen. Dies lohnt auch noch aus einem anderen Grund, ist dort doch eine Oldtimerausstellung untergebracht, die von Marken wie Alfa Romeo über Bugatti und Daimler-Benz bis zu Schweizer Fabrikaten wie Pic Pic, Sigma oder Turicum reicht. Das älteste Exemp-lar stammt dabei aus dem Jahre 1897.An Autos wird es uns allerdings nicht mangeln, wenn wir uns von Martigny, der Beschilderung zum Großen St. Bernhard folgend, mit dem Fahrrad auf den Weg machen. Stark befahren ist die Strecke, die – anfangs sogar teilweise zweispurig – zur Schnellstraße ausgebaut wurde. Zwischen Mischwald und Weinbergen gewinnt die Trasse dabei anfangs nur allmählich an Höhe. Bei Sembrancher, nach gut 10 km Fahrtstrecke, biegen wir in das Val d’Entremont ein, wo sich uns die ersten Abschnitte mit 10% Steigung in den Weg stellen. An Orsières vorbei erwarten uns die ersten beiden Kehren, die wir ebenfalls bei einer Steigung von 10% bewältigen. Die Straße wird enger und steigt bei gleich bleibender Steigung kurvenreich bis Fontaine-Dessous an, wo wir etwa die Hälfte der Auffahrtsstrecke hinter uns haben.Über weitere Kehren gelangen wir bei teilweise nachlassender Steigung nach Rive-Haute, wo die schneebedeckte Spitze des Mont Vélan uns langsam auf das Hochgebirge einstimmt. Leider liegt nun ein recht unangenehmer Streckenabschnitt durch mehrere Tunnels und Galerien vor uns. Durch einen langen, schwach beleuchteten Tunnel, den man allerdings auch rechts umfahren kann, radeln wir bei wieder auf 10% zunehmender Steigung bis Bourg-St-Pierre, der letzten größeren Ortschaft vor der Passhöhe.Die folgende Galerienstrecke, die uns nun zum Nordportal des Großen-St.-Bernhard-Scheiteltunnels leitet, können wir leider nicht umgehen. Am Stausee Lac de Toules entlang, kommen wir bei auf 6% zurückgehender Steigung zwar gut voran, müssen jedoch aufpassen, die mit »Col« und »Super St Bernhard« beschilderte Ausfahrt zur alten Passstraße nicht zu übersehen. Wir würden sonst im 5828 m langen Scheiteltunnel landen, wo wir allerdings bald wieder von den Schweizer Zöllnern zurückgeschickt werden würden.Vor uns liegen die letzten 7 km Auffahrtsstrecke mit 560 Höhenmetern, die wir bei kaum einmal unter 11% zurückgehender Steigung bewältigen werden. Eine schmale Straße führt uns in eine immer öder werdende Gebirgslandschaft, in der auch im Spätsommer noch Schneereste vorhanden sind. Auf einer kleinen Brücke wird die hier noch junge Durance überquert, dann führen uns vier Kehren durch die Geröllfelder der Combe des Mortes und unvermittelt sieht man sich dem Hospiz auf der Passhöhe gegenüber.Der größte Teil unserer Arbeit für heute ist getan. Vor uns liegt nur noch die 29 km lange Abfahrt mit Gefälle bis 10% und 14 Kehren nach Aosta. So bleibt sicherlich etwas Zeit, sich mit der Geschichte des Passes zu befassen. Die Bernhardinerhunde, die an den Souvenirständen in Form von Plüschhunden in jeder Größe feilgeboten werden, erinnern an die berühmten Lawinensuchhunde, die hier einst zur Rettung von Lawinenopfern eingesetzt wurden. Dass sie allerdings ein Fässchen mit Schnaps für die Erfrierenden um den Hals trugen, wurde ihnen nur angedichtet. Der berühmteste unter ihnen hieß Barry I., er soll zwischen 1800 und 1812 etwa 40 Menschen, die sich nach Schlechtwettereinbrüchen hier verirrten oder von Lawinen begraben wurden, das Leben gerettet haben. Im Hospiz auf der Passhöhe werden noch etwa ein Dutzend dieser legendären Hunde gezüchtet, nachdem eine Stiftung die Hundezucht von den Mönchen übernommen hat. Vormittags sind die Hunde meistens mit ihren Betreuern in der Umgebung unterwegs, allerdings nicht mehr zum Auffinden verirrter Reisender, denn der Rettungsdienst ist nach der Eröffnung des Mauttunnels bedeutungslos geworden.Das Hospiz sollten wir jedoch noch aus einem anderen Grund aufsuchen. Dort ist nämlich ein kleines Museum untergebracht, das an berühmte Personen der Zeitgeschichte erinnert, die vor uns über diesen Pass gezogen sind. Etwa an Kaiser Napoleon, der hier mit 45000 Soldaten, 5000 Pferden und 60 schweren Geschützen herüberzog, um in der Schlacht von Marengo die Österreicher zu besiegen. Vor ihm war schon Karl der Große da, um sich in Rom zum Kaiser krönen zu lassen, und noch viel früher traf man hier römische Legionäre, die in den gallischen Eroberungskriegen den Pass in umgekehrter Richtung überschritten. Der bekannteste von allen war jedoch der karthagische Feldherr Hannibal, der mit seinen Elefanten hier zur Eroberung Roms ansetzte. Unter Historikern ist dies allerdings stark umstritten, man geht eher davon aus, dass er im Jahre 218 v.Chr. den Weg über den Col de Clapier, einen Saumpass über das Bergmassiv des Mont Cenis, gewählt hat.Wir machen uns an die Abfahrt. An einem kleinen Passsee vorbei, überschreiten wir die Grenze zwischen der Schweiz und Italien und fahren über enge Kehren mit Gefälle bis 10% auf der italienischen Seite durch das Valle del Gran San Bernardo ab. Entlang der rechten Talseite fällt die Straße durch schönen Nadelwald weiter bergab, man überquert den Artanavaz und trifft nach einer letzten Kehrengruppe vor St. Rhémy wieder auf die südliche Tunnelzufahrt. Flachere Abschnitte durch kleinere Ortschaften zwingen uns teilweise zum Mittreten. Hinter Gignod nimmt nicht nur die Vegetation, sondern auch der Verkehr immer mehr zu, und wer zu Hauptreisezeiten hier ankommt, wird auf eine Autoschlange treffen, die sich kilometerlang bis zum Ortsanfang von Aosta hinunter staut.Im Ort trifft man zusätzlich noch auf den Verkehr, der durch das Aostatal zieht, und wenn sich die Autoabgase dann noch mit großer Hitze im Talboden vermischen, ist man froh, wenn man sich im Übernachtungsquartier erholen kann. Wenn sich die Abendkühle dann über die Stadt gelegt und der Verkehr nachgelassen hat, sollten wir uns allerdings noch auf den Weg in die Altstadt machen, um die Zeugnisse römischer Vergangenheit, die von einem antiken Theater und einem Forum bis zu einem Triumphbogen reichen, zu bewundern.

Übersetzungsvorschlag: 39/26 (Abstecher Savarenche-Hochtalstraße 39/28), Streckenverlauf: Martigny (km 0,0) – Martigny-Bourg (km 3,5) – Martigny-Croix (km 4,0) – Sembrancher (km 14,0) – Orsières (km 19,5) – Großer-St.-Bernhard-Passhöhe (km 43,5) – Gignod (km 67,0) – Saraillon (km 72,0) – Aosta (km 72,5), Straßenverhältnisse: Auffahrt zum Großen-St.-Bernhard-Pass im unteren Bereich teilweise zur Schnellstraße ausgebaut; 200 m langer unbeleuchteter Tunnel, 2 Galerien, 50 m und 150 m lang, sowie 5,8 km lange Galerienstrecke bei der Auffahrt. Auf der alten Passstraße zwischen Tunneleinfahrt Nord und Tunnelausfahrt Süd auf knapp 22 km Länge teilweise erhebliche Belagschäden. Passöffnungszeiten: Großer-St.-Bernhard-Pass 1.6.–15.10.; Auffahrt zur Savarenche-Hochtalstraße 15.6.–31.10.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour15 km
Höhenunterschied1526 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktMartigny, 477 m
EndpunktAosta, 583 m
Hinweise
Übersetzungsvorschlag: 39/26 (Abstecher Savarenche-Hochtalstraße 39/28) Streckenverlauf: Martigny (km 0,0) – Martigny-Bourg (km 3,5) – Martigny-Croix (km 4,0) – Sembrancher (km 14,0) – Orsières (km 19,5) – Großer-St.-Bernhard-Passhöhe (km 43,5) – Gignod (km 67,0) – Saraillon (km 72,0) – Aosta (km 72,599) Straßenverhältnisse: Auffahrt zum Großen-St.-Bernhard-Pass im unteren Bereich teilweise zur Schnellstraße ausgebaut; 200 m langer unbeleuchteter Tunnel, 2 Galerien, 50 m und 150 m lang, sowie 5,8 km lange Galerienstrecke bei der Auffahrt. Auf der alten Passstraße zwischen Tunneleinfahrt Nord und Tunnelausfahrt Süd auf knapp 22 km Länge teilweise erhebliche Belagschäden. Passöffnungszeiten: Großer-St.-Bernhard-Pass 1.6.–15.10.; Auffahrt zur Savarenche-Hochtalstraße 15.6.–31.10.
KartentippGeneralkarte 1:200000 Schweiz, Blatt 1 Westlicher Teil
VerkehrsanbindungAutobahn Bern–Martigny A12 und A9, Ausfahrt Martigny; alternativ: Autobahn Chur–Bellinzona (Rheintalautobahn), Ausfahrt Reichenau – Flims – Laax – Disentis/Mustér – Oberalppass – Andermatt – Hospental – Furkapass – Gletsch und durch das Rhônetal (Wallis) über Brig nach Martigny
Tipps
Streckenprofi: Höchster Punkt: 2473 mTiefster Punkt: 477 mHöhenmeter Auffahrt: 1526 mHöhenmeter Abfahrt: 1421 mMax. Steigung: 11% (12% bei Auffahrt Savarenche-Hochtalstraße)Max. Gefälle: 10% (12% bei Abfahrt Savarenche-Hochtalstraße)Durchschn. Steigung Auffahrt: 4,3%Durchschn. Gefälle Abfahrt: 3,7%PassangabenGroßer-St.-Bernhard-Pass: 2473 m; Auffahrt Martigny – Passhöhe 43,5 km mit 11% Höchststeigung, 2002 Hm; Abfahrt Passhöhe – Aosta 29 km mit Gefälle bis 10%Abstecher Savarenche-Hochtalstraße: Auffahrt Villeneuve an der Staatstraße 26 im Aostatal – Pont 27 km mit 12% Höchststeigung, 1310 Hm; Sehenswert: Martigny: Museum Fondation Pierre Gianadda (Römerzeit- und Oldtimerausstellung)Großer-St.-Bernhard-Passhöhe: Hospiz, Hotel mit Museum zur Passgeschichte
Höchster Punkt
Unterkunft
Sembrancher: Camping La Prairie, ganzjährig

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