Gletsch – Martigny

Leicht; 10% Höchststeigung auf kurzen Abschnitten (Autor: Rudolf Geser)
93 km
735 m
6.00 h
Gletsch, am Schnittpunkt des Furka- und des Grimselpasses gelegen, scheint im Wesentlichen aus einem großen, sechsstöckigen Gebäude aus groben Steinquadern zu bestehen. Warum wir den Ort dennoch als Übernachtungspunkt gewählt haben, hat aber schon einen besonderen Grund: Bei dem Anwesen handelt es sich nämlich um das Hotel »Glacier du Rhône«, in dem eine Übernachtung zu einem ganz besonderen Erlebnis wird. Es stammt noch aus der Zeit um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, der so genannten Belle Epoque, in der sich vor allem reiche und abenteuerlustige Engländer daranmachten, die Alpen zu erobern. Der heutige Besitzer hat den lobenswerten Versuch unternommen, den Stil des Hauses zu bewahren, und sogar die ursprüngliche Einrichtung und die Möbel belassen. Sogar die Tapeten stammen noch aus dieser Zeit, und so fühlt man sich wirklich in eine Epoche zurückversetzt, als es noch eine Sensation war, als sich 1915 eine Engländerin im Auto von Interlaken über den Grimselpass nach Gletsch chauffieren ließ. Ein Ereignis, über das damals alle Zeitungen des Kontinents und der Britischen Inseln berichteten.Ein so ganz alltägliches Unternehmen ist unsere Alpendurchquerung mit dem Fahrrad sicherlich auch nicht, aber in die Zeitung werden wir damit wohl nicht mehr kommen. Das ist aber auch nicht notwendig, und so befassen wir uns lieber mit dem Streckenprofil der heutigen Etappe. Sie führt uns durch das Wallis, wie das Tal der Rhône von ihrem Ursprung hier bis Martigny, einer ehemaligen Römersiedlung in der Nähe des Genfer Sees, genannt wird.Dabei ist Erfreuliches festzustellen: Gletsch liegt 1759 m, Martigny auf 477 m Höhe über dem Meeresspiegel, und da dazwischen nennenswerte Erhebungen gänzlich fehlen, scheint eine Regenerationsetappe vor uns zu liegen. Dem ist tatsächlich so, auf der 128 km langen Strecke rollen wir, von wenigen kurzen Buckeln im Straßenverlauf abgesehen, meist eben oder leicht abwärts, sodass wir kaum einmal Gelegenheit haben, das kleine Kettenblatt für einen längeren Zeitraum aufzulegen.Dies gilt allerdings nur, solange wir nicht vorhaben, einen Abstecher von unserer im Talboden verlaufenden Route in eines der Seitentäler des Wallis zu unternehmen, die sich hier recht zahlreich anbieten. Da wären zunächst das Saastal und das Mattertal hinein in die Mischabelgruppe, wo wohl der bekannteste Berg der Alpen, das Matterhorn, wartet.Weiter talauswärts verlaufen das Anniviers- und das Zinaltal zum Nordfuß des Zinalrothorns, dessen Spitze dem Matterhorn an Schönheit kaum nachsteht. Und wieder etwas weiter zweigt das Hérens- und Hérémencetal ab, das vielfach als schönstes Seitental des Wallis bezeichnet wird.Einfach, so viel sei gesagt, ist keine dieser Auffahrten. Zwischen 25,5 und 44,5 km betragen die Streckenlängen, der zu bewältigende Höhenunterschied reicht von 970 Höhenmetern im Mattertal bis zu 1795 m im Hérémencetal, zum Lac des Dix. Wir müssen diese Abstecher ja nicht unternehmen, aber wer sich dennoch dafür interessiert, erhält nähere Informationen weiter unten im Text bei der Beschreibung des jeweiligen Ausgangsortes.Zunächst rollen wir von Gletsch über mehrere Kehren mit Gefälle bis 10% einen Steilabbruch hinab, dann weitet sich bei Oberwald das Tal und unsere Strecke verläuft im Talboden. Hier oben scheint die Natur noch intakt, weder Seilbahnen noch Hotelkomplexe sind zu sehen, dafür erkennt man noch viele alte Holzhäuser im typischen Oberwalliser Baustil. Auf einem niedrigen Mauersockel aus gebrochenen Steinen wurde ein meist eineinhalb- bis zweieinhalbstöckiger Blockbau gesetzt, dessen Außenwände aus widerstandsfähiger Lärche, seltener auch Fichte, sich im Laufe der Zeit fast schwarz färbten. Das mit Gneis- und Granitplatten gedeckte Dach, das aus Kostengründen bei notwendigen Instandsetzungsarbeiten leider immer mehr dem Wellblech weicht, weist nur eine geringe Neigung von 20 Grad auf. Eigentlich verwunderlich, weil es unter dem Gewicht einer Schneedecke so stärker belastet wird als Dächer mit spitzerem Winkel. Der Ort Ulrichen an der Abzweigung zum 2478 m hohen Nufenenpass – dem höchsten innerschweizerischen Pass – scheint gänzlich aus Häusern in diesem Baustil zu bestehen.Das Tal weiter sich noch mehr und wir folgen der jungen Rhône, hier Rotten genannt. Wies die Straße bisher wenig Gefälle auf, senkt sie sich hinter Niederwald auf kurze Distanz beträchtlich ab. Mit Fiesch erreichen wir den bedeutendsten Ferienort im oberen Wallis, dessen prachtvolle Bergwelt uns vom Talboden aus leider verborgen bleibt. Man müsste schon mit der Seilbahn von Fiesch auf das Eggishorn, einen Fast-Dreitausender, hochschweben, um einen Panoramablick auf Eiger, Mönch und Jungfrau sowie den größten Eisstrom der Alpen, den Aletschgletscher, genießen zu können.Industrie und Bebauung nehmen zu und wir erreichen das lebhafte und geschäftige Brig, das bereits im Mittelalter ein bedeutendes Handelszentrum, Warenumschlagsplatz und Station auf dem Weg über den 2005 m hohen Simplonpass war. Knappe 10 km sind es bis Visp, das sich ebenfalls als betriebsamer Industrie- und Handelsplatz ohne erkennbare Reize entpuppt, für uns aber dennoch von Interesse ist. Von hier zweigt nämlich nach Süden das Vispertal ab, das sich bei Stalden in das Mattertal und das Saastal teilt. Das Restaurant Mattmark am Ende der Saastal- mit Mattmarkstraße wäre 1550 Höhenmeter und 34,5 km bei Steigungen bis 13% entfernt, aber interessanter ist das Mattertal. Bis Zermatt sind es zwar auch 35 km, dafür aber »nur« 970 Höhenmeter und 10% Höchststeigung. Oben angelangt, hat man das Matterhorn vor sich und wird feststellen, dass dies in natura noch eindrucksvoller wirkt als auf Bildern.4478 m hoch ist die »Becca«, wie das Matterhorn genannt wurde, als am 13. Juli 1865 um 13.40 Uhr der Engländer Edward Whymper mit seinen Gefährten Douglas, Hudson und Hadow sowie den Bergführern Vater und Sohn Taugwalder und Croz, als Erste auf dem Gipfel standen. Das Unternehmen endete tragisch. Hudson, Douglas, Hadow und Croz verunglückten beim Abstieg, wobei die Überreste von Lord Douglas bis heute nicht gefunden wurden. Dem Matterhorn als Wunschziel jedes Bergsteigers tut dies freilich keinen Abbruch und die Zahl seiner Bezwinger – die meisten nehmen die Route der Erstbesteiger über den Hörnligrat – geht jährlich in die Tausende.Zurück im Talboden, erreichen wir 29 km weiter in Sierre/Siders die Grenze zum französischen Teil des Wallis und gleichzeitig den Abzweiger ins Annivierstal und dessen Verlängerung, das Zinaltal. Hier ist es deutlich ruhiger als im Saas- und Mattertal, und wenn wir es befahren wollen, folgen wir der Beschilderung »Zinal/Grimentz«, auf die wir etwa 3 km östlich von Sierre treffen. Die 25,5 km lange Auffahrtsstrecke über 1135 Höhenmeter mit 11% Höchststeigung könnte als mittelschwere Radtour bezeichnet werden. Die meiste Zeit hat man dabei die Spitze des 4221 m hohen Zinalrothorns im Blickfeld, dessen formschöner Aufbau durchaus Ähnlichkeit mit dem Matterhorn aufweist, ohne freilich an dessen Bekanntheitsgrad heranzureichen.Der schwerste Abstecher würde uns noch bevorstehen, wenn wir in Sion/Sitten in das Hérenstal abbiegen. Dies gabelt sich bei Euseigne, und wenn wir hier den Weg durch das Hérémencetal zum Stausee Lac des Dix einschlagen, haben wir am Ende 27,5 km und 1795 Höhenmeter bei Steigungen bis 13% bewältigt. Durch das Hérenstal nach Arolla wären es 44,5 km mit ebenfalls beachtlichen 1600 Höhenmetern bei 11% Höchststeigung.Wem dies doch zu viel ist, der könnte auch die nur 15 km und 465 Höhenmeter bis Euseigne im Hérenstal hochradeln, wo es eine Laune der Natur zu bestaunen gibt: Erdpyramiden, von den Einheimischen »Gendarmes« oder »Demoiselles« genannt, die hier 20 m und höher aus grünen Wiesen und Sträuchern herausragen. Einige dieser grotesken Gebilde aus Moränenschutt tragen auf der Spitze einen runden, abgeflachten Stein, wie ein Gendarm seine Mütze oder eine Dame ihren Hut. Wir werden diese seltsamen Gebilde später, schon fast am Ende unserer Reise, in den französischen Seealpen, am Varspass nochmals zu Gesicht bekommen – dort allerdings ohne deckenden Stein.Zurück in Sion, erwarten uns noch 28 km Wegstrecke bis Martigny. Wie wir diese konditionell bewältigen, hängt nicht zuletzt davon ab, ob und wie sehr wir uns auf den beschriebenen Abstechern verausgabt haben.

Übersetzungsvorschlag: 39/23–26 (Abstecher in die Täler mind. 39/26; Saastal- mit Mattmarkstraße und Hérémence-Hochtalstraße mind. 39/28), Streckenverlauf: Gletsch (km 0,0) – Obergesteln (km 9,5) – Münster (km 15,5) – Fiesch (km 30,0) – Brig (km 47,0) – Gamsen (km 51,5) – Eyholz (km 56,5) – Visp (km 57,5) – (Abstecher Mattertalstraße: hin und zurück 70 km; Saastal- mit Mattmarkstraße: hin und zurück 69 km) – Susten (km 77,5) – Sierre/Siders (km 85,0) – (Abstecher Anniviers- mit Zinal-Hochtalstraße: hin und zurück 51 km) – Noes (km 89,0) – Uvrier (km 97,5) – Sion/Sitten (km 102,0) – (Abstecher Hérenstalstraße: hin und zurück 89 km; Hérémence-Hochtalstraße: hin und zurück 75 km) – Conthey (km 108,0) – Martigny (km 131,0), Straßenverhältnisse: Bei der Auffahrt zur Mattertalstraße ist der letzte Teil der Strecke zwischen Täsch und Zermatt zwar für den öffentlichen Verkehr gesperrt, wegen der zahlreichen Ausnahmegenehmigungen ist jedoch auch hier mit Verkehr zu rechnen. Passöffnungszeiten: Saastal- mit Mattmarkstraße 1.6.–31.10.; Hérémence-Hochtalstraße 1.6.–30.9.; alle anderen Talstraßen ganzjährig geöffnet

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour93 km
Höhenunterschied735 m
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktGletsch, 1759 m
EndpunktMartigny, 477 m
Hinweise
Übersetzungsvorschlag: 39/23–26 (Abstecher in die Täler mind. 39/26; Saastal- mit Mattmarkstraße und Hérémence-Hochtalstraße mind. 39/28)Streckenverlauf: Gletsch (km 0,0) – Obergesteln (km 9,5) – Münster (km 15,5) – Fiesch (km 30,0) – Brig (km 47,0) – Gamsen (km 51,5) – Eyholz (km 56,5) – Visp (km 57,5) – (Abstecher Mattertalstraße: hin und zurück 70 km; Saastal- mit Mattmarkstraße: hin und zurück 69 km) – Susten (km 77,5) – Sierre/Siders (km 85,0) – (Abstecher Anniviers- mit Zinal-Hochtalstraße: hin und zurück 51 km) – Noes (km 89,0) – Uvrier (km 97,5) – Sion/Sitten (km 102,0) – (Abstecher Hérenstalstraße: hin und zurück 89 km; Hérémence-Hochtalstraße: hin und zurück 75 km) – Conthey (km 108,0) – Martigny (km 131,0) Straßenverhältnisse: Bei der Auffahrt zur Mattertalstraße ist der letzte Teil der Strecke zwischen Täsch und Zermatt zwar für den öffentlichen Verkehr gesperrt, wegen der zahlreichen Ausnahmegenehmigungen ist jedoch auch hier mit Verkehr zu rechnen. Passöffnungszeiten: Saastal- mit Mattmarkstraße 1.6.–31.10.; Hérémence-Hochtalstraße 1.6.–30.9.; alle anderen Talstraßen ganzjährig geöffnet
KartentippGeneralkarte 1:200000 Schweiz, Blatt 1 Westlicher Teil
VerkehrsanbindungAutobahn Zürich–Bellinzona A2 (Gotthardautobahn), Ausfahrt Göschenen – Andermatt – Hospental – Furkapass – Gletsch; alternativ Autobahn Chur–Bellinzona (Rheintalautobahn), Ausfahrt Reichenau – Flims – Laax – Disentis/Mustér – Oberalppass – Andermatt – Hospental – Furkapass – Gletsch
Tipps
Streckenprofil: Höchster Punkt: 1759 mTiefster Punkt: 477 mHöhenmeter Auffahrt: 735 mHöhenmeter Abfahrt: 2025 mMax. Steigung: 10%Max. Gefälle: 10%Durchschn. Steigung Auffahrt: 1,6%Durchschn. Gefälle Abfahrt: 2,3%PassangabenMattertalstraße: 1616 m; Auffahrt Visp – Zermatt 35 km mit 10% Höchststeigung, 970 HmSaastal- mit Mattmarkstraße: 2197 m; Auffahrt Visp – Restaurant Mattmark 34,5 mit 13% Höchststeigung, 1550 Hm Anniviers- mit Zinal-Hochtalstraße; 1700 m; Auffahrt Sierre/Siders – Zinal 25,5 km mit 11% Höchststeigung, 1135 Hm; Hérenstalstraße: 2100 m; Auffahrt Sion/Sitten – Arolla 44,5 km mit 11% Höchststeigung, 1592 HmHérémence-Hochtalstraße: 2300 m; Auffahrt von Sion/Sitten über die Hérenstalstraße bis zur Abzweigung Euseigne 13,5 km, dann 14,0 km bis Dixence mit 13% Höchststeigung, 1792 Hm
Höchster Punkt

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