Gávia-Passstraße

Alpenpässe in Italien (Autor: Rudolf Geser)
Es ist noch nicht allzu lange her, da galt der Gáviapass als einer der abschreckendsten und gefährlichsten Alpenpässe überhaupt. Dies lag vor allem an seinem Ausbauzustand, als die Trasse noch größtenteils unbefestigt und von Schlaglöchern und Felsbrocken übersät war. Teilweise war sie so eng, dass man sich an entgegenkommenden Autos nur zwischen Felswand und Abgrund vorbeibalancieren konnte, und in besonders unangenehmer Erinnerung blieb mir ein gruseliger Abschnitt auf der Südseite, wo sich die Trasse kaum 3 m breit, mit einigen Holzlatten eher moralisch abgesichert, unmittelbar an der Felswand entlangschlängelte und auf der anderen Seite mehrere 100 m tief ins Valle delle Messi abstürzte. Den Radsportfreunden unter uns ist der Pass wohl aus den Übertragungen des Giro d'Italia bekannt und unvergesslich ist das Drama vom 5. Juni 1988, als einige Rennfahrer während der 14. Etappe im Schneesturm dort oben fast erfroren wären. Am Straßenrand wartende Zuschauer wurden um wärmende Kleidung angefleht und die im Gesamtklassement führenden Franco Chioccioli, Urs Zimmermann und Roberto Visentini verloren im tobenden Sturm jegliche Siegchancen. Unbeeindruckt von den Wetterverhältnissen blieben der Niederländer Erik Breukink und der Amerikaner Andrew »Andy« Hampsten. Breukink gewann die Etappe mit sieben Sekunden Vorsprung vor Hampsten in Bórmio, aber Hampsten gewann den Giro und war damit der erste amerikanische Giro-Sieger. Nun lassen Sie sich durch diese Ausführungen aber von einer Befahrung nicht abschrecken, denn die Zeiten haben sich auch am Gáviapass geändert. Heute ist er durchgehend asphaltiert und verbreitert und vor allem der gefährliche Abschnitt im oberen Bereich der Südseite wurde durch einen neu gebauten Tunnel völlig entschärft. Eine Sonntagsnachmittagsspazierfahrt ist der Gáviapass zwar noch immer nicht, dafür sorgen schon seine Höhe und seine exponierte Lage, aber dennoch ein eindrucksvolles Erlebnis inmitten der urwüchsig gebliebenen Landschaft des Stilfser Nationalparks. Den nördlichen Ausgangspunkt Bórmio erreicht man am einfachsten, wenn man aus dem Vinschgau über das Stilfser Joch (Tour 40) hoch und über die Südrampe durch das Brauliotal nach Bórmio abfährt. Dann hat man auch gleich ein gutes Training hinter sich, denn auch der Gáviapass ist als schwer einzustufen. Ansonsten ist der Ort nur sehr umständlich von Westen her, etwa über den Berninapass und das Puschlav bis Tirano und von dort das Addatal aufwärts nach Bórmio, zu erreichen oder noch verzwickter von der Südseite des Berninapasses über den Forcola di Livigno, Eirapass und Foscagnopass nach Bórmio. Glücklich in Bórmio (km 0,0) angekommen folgen wir den braunen Hinweisschildern »Passo Gávia« ins Valfurva, wo die Steigung kurz vor Uzzà (km 2,5) auf 9 % zunimmt. Auf bis San Nicolò (km 3,0) leicht abwärts fallender, dann bis Sant' António (km 4,0) ebener Trasse kann man noch Kräfte sparen, bevor uns holpriges, rötliches Kopfsteinpflaster durch den Ort in einen schluchtartigen bewaldeten Talabschnitt führt, wo die Steigung auf 10 % zunimmt. Diese hält sich fast durchgehend bis zu einem vereinzelt am Straßenrand stehenden Haus (km 10,5), von wo es dann bis Santa Catarina (km 11,5), der letzten Ortschaft vor der Passhöhe, nur noch leicht ansteigt. Ein kurzer Tunnel führt aus dem Ort heraus, die Straße wird schmäler und steigt auf 12 % an, wobei kurze Steigungsspitzen sogar bis 16 % erreichen. Etwa 1,5 km lang ist dieser Abschnitt, dann senkt sich die Trasse bis zum Rifugio Plaghera (km 17,5) wieder auf gemäßigtere 9 % zurück. Hier liegt wieder ein schwieriger Abschnitt vor uns. Auf den nächsten 5 km über der westlichen Talseite des Gáviatales werden immer wieder Steigungsspitzen bis 16 % erreicht, die glücklicherweise von längeren flacheren Abschnitten unterbrochen werden. Erst auf den letzten 1,5 km vor dem Rifugio A. Berni (km 24,0) lässt die Steigung nach und inmitten einer herrlichen Hochgebirgslandschaft, vorbei an einem Monument, das hier an mit einem Lkw verunglückte Alpinisoldaten erinnert, erwarten uns bis zur Passhöhe (km 26,5) mit den beiden Restaurants und einem kleinen Gletschersee keine Schwierigkeiten mehr. Die Abfahrt über die Südrampe ins knapp 1400 m tiefer gelegene Ponte di Legno ist 17 km lang, bietet schöne Ausblicke auf die Adamellogruppe und Gefälle bis 16 %. Wer gleich den Tonalepass anhängen will, muss gar nicht in die kleine Ortschaft hinein, sondern kann diese umfahren, um auf die Staatsstraße 42 zu gelangen, die hier zur Tonalepasshöhe hochzieht. Die ist, wie unter der nachfolgenden Tour 42 beschrieben, 11,5 km und 626 Höhenmeter entfernt. Bis ins Etschtal, in welches das Nocetal, im oberen Teil auch Val di Sole oder Nonstal genannt, bei Mezzocorona einmündet, sind es dann aber noch 82 km. Diese fallen zwar meist ab, aber man wird feststellen, dass längere flachere Abschnitte und auch einige kürzere Gegensteigungen bis 8% noch einiges an Kondition erfordern. Wer davon allerdings genug hat, der kann sich vielleicht überlegen, ob er in Dimaro, von der Passhöhe 27,5 km entfernt, die Auffahrt über die Nordseite des Campo-Carlomagno-Passes (Tour 43) unternimmt und dabei der Brentagrupe einen Besuch abstattet.

Schwierigkeit: Schwere Radtour mit 16 % Höchststeigung / Schwere Radtour mit 16 % Höchststeigung. Dauer: 2 - 3 / 2 - 3. Befahrbarkeit: 1. Juli bis 15. Oktober.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour0 km
Höhenunterschied1435 m
Dauer2.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktNordseite: Bórmio, 1217 m; Südseite: Ponte di Legno, 1258 m
TourencharakterEs ist noch nicht allzu lange her, da galt der Gáviapass als einer der abschreckendsten und gefährlichsten Alpenpässe überhaupt. Dies lag vor allem an seinem Ausbauzustand, als die Trasse noch größtenteils unbefestigt und von Schlaglöchern und Felsbrocken übersät war. Teilweise war sie so eng, dass man sich an entgegenkommenden Autos nur zwischen Felswand und Abgrund vorbeibalancieren konnte, und in besonders unangenehmer Erinnerung blieb mir ein gruseliger Abschnitt auf der Südseite, wo sich die Trasse kaum 3 m breit, mit einigen Holzlatten eher moralisch abgesichert, unmittelbar an der Felswand entlangschlängelte und auf der anderen Seite mehrere 100 m tief ins Valle delle Messi abstürzte. Den Radsportfreunden unter uns ist der Pass wohl aus den Übertragungen des Giro d'Italia bekannt und unvergesslich ist das Drama vom 5. Juni 1988, als einige Rennfahrer während der 14. Etappe im Schneesturm dort oben fast erfroren wären. Am Straßenrand wartende Zuschauer wurden um wärmende Kleidung angefleht und die im Gesamtklassement führenden Franco Chioccioli, Urs Zimmermann und Roberto Visentini verloren im tobenden Sturm jegliche Siegchancen. Unbeeindruckt von den Wetterverhältnissen blieben der Niederländer Erik Breukink und der Amerikaner Andrew »Andy« Hampsten. Breukink gewann die Etappe mit sieben Sekunden Vorsprung vor Hampsten in Bórmio, aber Hampsten gewann den Giro und war damit der erste amerikanische Giro-Sieger. Nun lassen Sie sich durch diese Ausführungen aber von einer Befahrung nicht abschrecken, denn die Zeiten haben sich auch am Gáviapass geändert. Heute ist er durchgehend asphaltiert und verbreitert und vor allem der gefährliche Abschnitt im oberen Bereich der Südseite wurde durch einen neu gebauten Tunnel völlig entschärft. Eine Sonntagsnachmittagsspazierfahrt ist der Gáviapass zwar noch immer nicht, dafür sorgen schon seine Höhe und seine exponierte Lage, aber dennoch ein eindrucksvolles Erlebnis inmitten der urwüchsig gebliebenen Landschaft des Stilfser Nationalparks. Den
Beste Jahreszeit
KartentippEuro Cart Regionalkarte 1:300.000, RV-Verlag, Blatt Südtirol/Venetien
VerkehrsanbindungNordseite – Ausgangspunkt: Bórmio, 1217 m; Anfahrt: von Norden her über das Stilfser Joch (Tour 40). Alternativ vom Oberengadin nach Pontresina und über Berninapass – Livignopass – Eirapass – Foscagnopass nach Bórmio. Südseite – Ausgangspunkt: Ponte di Legno, 1258 m; Anfahrt: Brennerautobahn A 22, Ausfahrt Bozen/Süd – Mendelpass – Fondo – Male – Dimaro – Tonalepass – Ponte di Legno oder aus der Schweiz vom Comer See über Sondrio – Apricapass – Edolo – Ponte di Legno
Höchster Punkt
2652 m

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