Chiavenna – Bellinzona

Mittelschwer; 10% Höchststeigung an kürzeren Streckenabschnitten sowie bei der Auffahrt zur Céneri-Bergstraße (Autor: Rudolf Geser)
11 km
1717 m
6.00 h
Chiavenna leitet sich vom italienischen »chiave« für Schlüssel ab, womit die strategisch günstige Lage der Stadt am Fuße zweier Passstraßen, dem Maloja und dem Splügen, gemeint ist. Über den Maloja sind wir in der Stadt angekommen, werden diese aber nicht über den Splügen verlassen. Dieser zieht von hier nach Norden in das Oberrheintal, die Auffahrtsstrecke misst dabei gute 31 km mit Steigungen bis 12% und die Trassenführung mit 47 Kehren ist dabei durchaus alpin zu nennen. Mit 1785 Höhenmetern stellt er dabei keine geringen Anforderungen. Wer ihn dennoch als Abstecher befahren will, sei gewarnt: Im oberen Teil dieser Auffahrtsseite wartet eine äußerst unangenehme Tunnelstrecke, mit drei unbeleuchteten Tunnels von 50 bis 250 m Länge, sechs Tunnelgalerien, 150 bis 650 m lang, sowie sieben 20 bis 250 m langen Galerien. Diese sind eng, teils in schlechtem Zustand, und da der Splügen zu Hauptreisezeiten auch relativ stark frequentiert ist, ist in den Tunnels immer mit entgegenkommenden Kraftfahrzeugen zu rechnen.Nun, wir müssen ihn ja nicht fahren, sondern können auf dieser vom Streckenprofil relativ unschwierig erscheinenden Tour auch so genug Höhenmeter sammeln. Auch wenn der höchste Punkt am Monte Céneri nur 554 m hoch liegt, sind es am Ende doch immerhin 1717 Höhenmeter, die wir auf unserer heutigen Etappe überwinden.Nach etwa 50 km Anlaufstrecke wird es im Bereich der Oberitalienischen Seenplatte, wie die Region um den Comer See, den Luganer See und den Lago Maggiore genannt wird, recht hügelig, liegt diese doch umgeben von den Piemonter, Tessiner und Bergamasker Alpen, die ihre Ausläufer bis zu den Seen hinunterschicken.Zum Trost sei allerdings gesagt, dass uns heute keine kahlen Bergregionen erwarten, sondern subtropische Vegetation, mediterranes Klima und die Möglichkeit, in einem der Seen ein Bad zu nehmen, vorausgesetzt, die Badehose befindet sich im Gepäck.In Chiavenna ist von Badegefühl allerdings noch nichts zu verspüren. Noch umgeben uns ringsum schroffe Felsen, die aber schon nach wenigen Kilometern zurückweichen. Das Tal weitet sich, die Sicht wird freier. Einige verlassene Granitbrüche neben der Straße deuten das Gebirge noch an, doch der Eindruck einer südlichen Landschaft nimmt langsam, aber stetig zu.Wir folgen der Mera, der Mächtigen, die sich plötzlich in einen See ergießt, den Lago di Mezzola, einen reizlosen Binnensee mit verschilften Ufern, der aber seines Fischreichtums wegen gerne von Anglern besucht wird. Auf schnurgerader Straße radeln wir durch eine landwirtschaftlich genutzte Tiefebene, dann überqueren wir die Mera, die den Lago di Mezzola wieder verlassen hat, um bei Sórice endgültig in den Comer See zu münden.Wir erreichen die Nordspitze des nach dem Gardasee und dem Laggo Maggiore drittgrößten aller italienischen Seen, der bei den Römern Lacus Larius hieß und manchmal auch heute noch Lario genannt wird. Er gilt als der schönste der oberitalienischen Seen, und wer einmal sein Rad an eine der Parkbänke an der Uferpromenade von Como mit ihren Pinien, Zypressen, Rhododendren und Ölbäumen angelehnt hat und über den Wasserspiegel auf die – vor allem im Frühjahr, wenn die Spitzen noch schneebedeckt sind – reizvolle Bergkette der Zweitausender geblickt hat, mag dies durchaus nachvollziehen können.Bei einer Rast im Frühling ist hier aber meist noch eine Windjacke zu empfehlen, denn von der subtropischen Vegetation mit den damit einhergehenden höheren Temperaturen ist dann noch nichts zu sehen und zu verspüren. Laub- und Nadelwälder prägen das eher karge Landschaftsbild, was sich auch in den Temperaturen niederschlägt.Der Fremdenverkehr spielt hier ebenfalls noch keine übergeordnete Rolle. Die kleinen Orte und reizvollen alten Städte, die wir entlang des Westufers berühren, heißen den Gast zwar willkommen, umwerben ihn allerdings nicht aufdringlich. Ruhig ist es dennoch nicht, denn der Verkehr und die lebhafte Betriebsamkeit der Orte verlangen unsere ständige Aufmerksamkeit.Je weiter südlich wir kommen, desto schöner wird die Landschaft, die sich bald zu verschwenderischer Pracht ausweitet. Etwa bei Acquaseria beginnt der berühmte Küstenabschnitt der »Tremazzina«, ein von Natur und Klima besonders begünstigtes Gebiet, in dem der Comer See seinen ganzen Zauber entfaltet. »Azaleenriviera« wird dieser Mittelabschnitt auch genannt, denn die von Azaleen und Rhododendren im Frühjahr entfaltete Blütenpracht ist wirklich überwältigend. Schade nur, dass wir in aller Regel nicht um diese Jahreszeit hier sein werden und zudem den See genau an dieser Stelle, wo er am schönsten ist, wieder verlassen müssen.In Menággio, der größten Ortschaft am Mittelteil des Comer Sees, zweigt nämlich die Bergstraße durch das Val Menággio zum Luganer See ab. Es ist die kürzeste und am besten ausgebaute Verbindung dort hinüber, und dennoch müssen wir aufpassen, um in der engen, verbauten Ortschaft die Abzweigung zu finden. Über einige Kehren, die leider keine Rückblicke auf den See zulassen, führt die Straße aus dem Ort heraus, um bald darauf wieder recht geradlinig bis Porlezza an der Ostspitze des Luganer Sees abzufallen.Der »Il Ceresio«, wie er auch genannt wird, ist der kleinste der drei Seen, recht eigenwillig geformt und zudem noch zu zwei Dritteln auf Schweizer Gebiet liegend. Wir bleiben aber noch in Italien und folgen dem am weitesten nach Westen vordringenden Seearm an dessen Nordufer. Steil fallen die Berghänge zum See ab, lassen wenig Platz für die Straße, und auch der See lässt nicht allzu viel von sich sehen. Durch das Steilufer ist er recht unzugänglich, und wenn sich irgendwo eine Lücke auftut, ist diese mit Sicherheit verbaut und in Privatbesitz.Bei Oria wechseln wir durch einen längeren Tunnel in die Schweiz hinüber, wo uns der Kanton Tessin mit der fürchterlich verbauten Großstadt Lugano empfängt. Vom alten Lugano, das ein Dichter im Jahre 1840 einmal als »schönstes Städtchen des Landes« bezeichnet hat, scheint nichts mehr übrig geblieben zu sein. So suchen wir uns unseren Weg durch ein Konglomerat aus Hotels, Banken, Hochhäusern und Wohnblocks zu Füßen des Monte Bré, einem ehemals bewaldeten Bergkegel, der nunmehr fast gänzlich mit Villen, Appartements und Hotelkomplexen überzogen ist.Trotz des Verkehrsgewühls sollten wir zur Uferpromenade fahren, um uns einen Eindruck vom See zu verschaffen, bevor wir die Stadt Richtung Locarno verlasen. Dorthin erwartet uns der Anstieg über den Monte Céneri. Die Steigung beginnt in Cadenazzo auf einer Höhe von 246 m über dem Meeresspiegel und endet nach 7 km auf dem Monte Céneri in 554 m Höhe. Maximal 10% beträgt die Höchststeigung, die auf einem gut 3 km langen Abschnitt beibehalten wird. Vier Kehren sind auf diesem zu einer Schnellstraße ausgebauten Abschnitt zu überwinden und leider auch zwei jeweils 350 m lange Tunnels.Die Straße über den Monte Céneri führt nach Locarno an der Nordspitze des Lago Maggiore, was für uns aber einen Umweg von knapp 20 km bedeuten würde. Wir müssten dazu wieder nach Italien überwechseln und würden dort in erster Linie wieder ein Häusermeer und Verkehrsverhältnisse antreffen, die mit Lugano jederzeit in Konkurrenz treten könnten. Einen Vorteil allerdings hat Locarno: Es ist vor den Nord- und Ostwinden besser geschützt und weist so ein noch milderes Klima auf, wozu auch der temperaturbewahrende Einfluss der großen Wasseroberfläche beiträgt. Schon im Januar, wenn man sich bei uns bei Frost oder regennasser Kälte beim Radeln im Freien allenfalls kalte Füße oder einen Schnupfen holt, kann man hier teilweise schon bei Temperaturen um 20 Grad radeln. In den Sommermonaten, also unserer Reisezeit, kann es allerdings subtropisch warm werden, mit gewaltigen Gewittern, die sich oft auch an mehreren Tagen hintereinander zusammenbrauen.Wenn ein solches naht, werden wir also nach der Abfahrt vom Monte Céneri gleich Richtung Bellinzona abbiegen. Gleich drei Burgen hat die strategisch günstige Lage der Kantonshauptstadt beschert, über die alle Verbindungswege über Gotthard, Lukmanier und San Bernardino führen. Für uns ist Bellinzona das Tor zurück in rauere Alpenregionen, das es uns hier mit dem nördlichen Tessin, dem Sopraceneri, aufschließt.

Übersetzungsvorschlag 39/23–26, Streckenverlauf: Chiavenna (km 0,0) – San Cassiano (km 6,0) – Nuova Olonio (km 20,5) – Sorico (km 24,5) – Gera Lario (km 25,5) – Domaso (km 28,5) – San Gregorio (km 33,0) – Dongo (km 35,5) – Santa Maria (km 42,5) – Acquaseria (km 44,0) – Menággio (km 49,0) – Croce (km 51,0) – Piano Porlezza (km 56,5) – San Pietro Sovera (km 58,5) – Porlezza (km 60,5) – Cima (km 64,0) – Cressogno (km 65,0) – Castagnola (km 74,0) – Cassarate (km 75,0) – Lugano (km 75,5) – Massagno (km 80,0) – Ostarietta (km 84,0) – Mezzovico (km 89,0) – Vira (km 90,5) – Bironico (km 92,5) – Rivera/Monte Céneri (97,1) – Monte Céneri (km 97,2) – Cadenazzo (km 105,0) – Giubiasco (km 110,0) – Lôro (km 111,5) – Pianezzo (km 113,5) – Bellinzona (km 118,5), Straßenverhältnisse: Gut ausgebaute Straßen, Passöffnungszeiten: Céneri-Bergstraße ganzjährig geöffnet

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour11 km
Höhenunterschied1717 m
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktChiavenna, 333 m
EndpunktBellinzona, 231 m
Hinweise
Übersetzungsvorschlag: 39/23–26 Streckenverlauf: Chiavenna (km 0,0) – San Cassiano (km 6,0) – Nuova Olonio (km 20,5) – Sorico (km 24,5) – Gera Lario (km 25,5) – Domaso (km 28,5) – San Gregorio (km 33,0) – Dongo (km 35,5) – Santa Maria (km 42,5) – Acquaseria (km 44,0) – Menággio (km 49,0) – Croce (km 51,0) – Piano Porlezza (km 56,5) – San Pietro Sovera (km 58,5) – Porlezza (km 60,5) – Cima (km 64,0) – Cressogno (km 65,0) – Castagnola (km 74,0) – Cassarate (km 75,0) – Lugano (km 75,5) – Massagno (km 80,0) – Ostarietta (km 84,0) – Mezzovico (km 89,0) – Vira (km 90,5) – Bironico (km 92,5) – Rivera/Monte Céneri (97,1) – Monte Céneri (km 97,2) – Cadenazzo (km 105,0) – Giubiasco (km 110,0) – Lôro (km 111,5) – Pianezzo (km 113,5) – Bellinzona (km 118,5) Straßenverhältnisse: Gut ausgebaute Straßen: Passöffnungszeiten: Céneri-Bergstraße ganzjährig geöffnet
KartentippGeneralkarte 1:200000 Schweiz, Blatt 2 Östlicher Teil-Zentralschweiz
VerkehrsanbindungAutobahn Innsbruck–Bludenz A12 (Inntal- autobahn), Ausfahrt Zams/Landeck Ost – Pfunds – Martina – Scuol – Zernez – St. Moritz – Silvaplana – Malojapass – Chiavenna
Tipps
Streckenprofil: Höchster Punkt: 554 mTiefster Punkt: 198 mHöhenmeter Auffahrt: 1717 mHöhenmeter Abfahrt: 1812 mMax. Steigung: 10%Max. Gefälle: 10%Durchschn. Steigung Auffahrt: 2,9%Durchschn. Gefälle Abfahrt: 3%PassangabenCéneri-Bergstraße: 554 m; Auffahrt Ostarietta – Passhöhe 13 km mit 10% Höchststeigung, 204 Hm; Abfahrt Passhöhe – Giubiasco 13 km mit Gefälle bis 10%; Sehenswert: Chiavenna: »Il Castello«, Torbogen »Santa Maria«, Botanischer Garten, Kreuzgang San LorenzoLugano: Parco Civico mit Villa Ciani, Museum für Moderne Kunst, Historisches Museum, Kathedrale San Lorenzo Locarno: Strandpromenade, Piazza Grande, Schloss Civico Bellinzona: Wehrmauern und Burgen, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören
Höchster Punkt
Unterkunft
Menaggio: Camping Lido, Via Roma 4, 15.5.–31.8.; Bellinzona: Camping Bosco di Molinazzo, Via Ripari Tondi, ganzjährig; Borgonuovo di Piuro (3 km von Chiavenna): Camping Acquafraggia, ganzjährig

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