Bórmio – Davos

Schwer; 11% Höchststeigung an längeren Abschnitten bei der Auffahrt zum Umbrailpass sowie lange Anstiegen bis 10% Höchststeigung bei den Auffahrten zu Ofen- und Flüelapass (Autor: Rudolf Geser)
Haben wir auf unserer vorherigen Etappe mit dem Gávia eine der höchsten Passstraßen der Alpen bezwungen, geht es heute noch einmal höher hinauf. Das Stilfser Joch mit 2757 m Höhe, nach der Iseran-Passstraße und dem Restefond-/Bonettepass – beide werden wir am Ende unserer Alpendurchquerung in den französischen Seealpen noch kennen lernen – dritthöchste Passstraße der Alpen und höchster Pass der Ostalpen, ist zu bezwingen. Um ganz genau zu sein: Wir müssen nicht bis ganz auf das Stilfser Joch hinauf, unsere Route führt über seine Südseite nur bis in eine Höhe von 2503 m, wo wir über den Umbrailpass ins Schweizerische Münstertal abfahren.Der Umbrailpass ist eine topografische Besonderheit unter den Pässen, er hat nämlich nur eine richtige Passrampe. Diese führt von Santa Maria im schweizerischen Münstertal hinauf auf denselben Bergzug, den auch das Stilfser Joch überquert, mündet aber gute 270 Höhenmeter unterhalb der Stilfser-Joch-Passhöhe in die Südauffahrt der Stilfser-Joch-Passstraße ein. Genau 23 Höhenmeter und 0,5 Streckenkilometer sind dabei von der Abzweigung aus zu überwinden, die damit eigentlich nicht als Passstrecke bezeichnet werden kann. Neben dem Malojapass im Schweizer Engadin, dem Valparolapass in den Dolomiten, der von der Falzáregopassstraße ins Gadertal führt, und dem Nigerpass, ebenfalls in den Dolomiten, der auch nur eine richtige Passseite hat, ist der Umbrailpass damit einer von vier Alpenpässen, deren beide Seiten in einem auffälligen Missverhältnis zueinander stehen.Es bleibt also dem Einzelnen überlassen zu entscheiden, ob er die exakt 277 Höhenmeter auf 3 Streckenkilometern bei einer recht gleichmäßigen Steigung von 10% zur Stilfser-Joch-Passhöhe noch mitnimmt oder nicht. In den meisten Fällen wird vermutlich der Reiz, die dritthöchste Passstraße der Alpen befahren zu haben, dann doch überwiegen. Allerdings sollte darüber die restliche Strecke nicht vergessen werden, denn nach der Überfahrung des Umbrailpasses warten auf den verbleibenden knapp 70 km nach Davos mit dem 2149 m hohen Ofenpass und dem 2383 m hohen Flüelapass nicht unbedingt leichte Aufgaben auf uns, die mit 775 und 960 Höhenmetern unsere Kondition noch fordern werden. Denn mindestens 1290 Höhenmeter zum Umbrailpass oder sogar 1540, wenn wir noch ganz zum Stilfser Joch hinaufradeln, haben wir bis an den Fuß des Ofenpasses in Santa Maria im Münstertal ja schon in den Beinen. Für sich gesehen schon eine stattliche Anzahl, wobei erschwerend hinzukommt, dass man sich diese nicht locker pedalierend erworben, sondern bei Steigungen bis 12% hart erkämpft hat.Wenn die Südauffahrt zum Stilfser Joch auch nicht so bekannt ist wie die nördliche aus dem Vinschgau, so hat sie dennoch ihre Reize. Schon bald hinter Bórmio treffen wir auf die erste von insgesamt 31 Kehren, zu denen sich noch eine ganze Reihe kehrenähnlicher Biegungen und sonstiger Kurven gesellen. Dann geht es hinein in das Brauliotal, das die Bezeichnung »wildromantisch« durchaus verdient. Dicht drängen sich die verwitterten Kalkfelsen, deren dunkle Flanken sich bis zu 1300 m hoch auftürmen, zusammen, während im Talgrund der Braulio sich weiß schäumend seinen Weg zwischen den Felsbrocken sucht. Zwei unbeleuchtete Tunnels, 50 und 150 m lang, sowie fünf unbeleuchtete Tunnelgalerien mit Engstellen, 100 bis 200 m lang, haben wir auf diesem Abschnitt zu überwinden, wobei der Straßenbelag nicht immer der Beste ist.Haben wir den Schluchtabschnitt hinter uns, fesselt ein riesiger Wasserfall, der über eine fast senkrechte Felsstufe herabstürzt, unsere Aufmerksamkeit. Wir überwinden diese Steilstufe über eine enge Kehrengruppe, und vor uns öffnet sich überraschend ein weites Hochtal mit grünen Almwiesen. Vorbei an der kleinen Kapelle San Rainieri erreichen wir die Cantoniera IVa mit den verfallenen Straßenwärterhäuschen an der Abzweigung zum Umbrailpass.Hier haben wir die Passhöhe des Stilfser Jochs im Blickfeld und es gilt zu entscheiden, ob wir entweder dort hinauf radeln oder schon nach wenigen Pedalumdrehungen vor der Schweizer Zollstation am Umbrailpass stehen möchten. An der Zollstation werden wir höchstwahrscheinlich alleine sein, während auf der Stilfser-Joch-Passhöhe mit all ihren Hotels, Gasthöfen und Andenkenständen schon größerer Trubel herrscht. Dafür entschädigt der Blick auf die stark vergletscherte Hauptkette der Ortlergruppe und den obersten Teil der aus dem Vinschgau heraufführenden Kehrenstrecke. Meist ist es dort oben aber recht frisch und oft bläst auch ein strenger Wind, was einen längeren Aufenthalt für uns nicht empfehlenswert erscheinen lässt.Zurück am Umbrailpass, wartet eine 14 km lange Abfahrt über 33 Kehren mit Gefälle bis zu 11% auf uns, und, falls ich es eingangs vergessen habe zu erwähnen: Diese ist teilweise unbefestigt. Für den ansonsten guten Ausbauzustand der Schweizer Alpenpässe ist dies eher ungewöhnlich, aber diese Naturstraße ist in einem guten Zustand, sodass für unsere schmalen Reifen keine größere Gefahr droht. Vorsichtige Fahrweise ist allerdings vorausgesetzt, die man auch beibehalten sollte, wenn man nach 8 km Abfahrt beim Gasthaus »Alpenrose« wieder durchgehend auf Asphalt rollt. Insbesondere die Einfahrt nach Santa Maria dürfen wir keinesfalls zu schnell angehen, um das Stoppschild an der engen Kreuzung bei der Einfahrt in die Hauptstraße des Ortes nicht zu überfahren.Wir verlassen Santa Maria, dessen Häuser bereits Einflüsse der Unterengadiner Bauweise, mit tief eingelassenen Fenstern, Erkern und Sgraffito-Malereien an den Hauswänden, erkennen lässt, und radeln auf gut ausgebauter Straße zwischen freundlichen Wiesen das Münstertal aufwärts. 14 km lang ist die Auffahrt, die anfangs nur mäßig ansteigt, um erst im oberen Bereich die Höchststeigung von 10% über vier Kehren länger zu halten. Der Name des Passes, der im Schweizerischen »Pass dal Fuorn« genannt wird, erinnert an eine frühere Eisenschmelze, die nunmehr einem Restaurant weichen musste. Ein Blick zurück nach Osten über unsere Anfahrtsstrecke lässt uns – bereits in weiter Ferne und ganz klein – gerade noch die Spitze des Ortlers erkennen, mit 3899 m Höhe immerhin der höchste Berg Südtirols und einer der höchsten der Ostalpen.Unsere Abfahrt führt uns nun hinein in den Schweizer Nationalpark, ein 170 Quadratkilometer großes Naturreservat, in dem die gesamt Tier- und Pflanzenwelt voll und ganz ihrer natürlichen Entwicklung überlassen bleibt. Große Landschaftsdramatik ist allerdings nicht zu erwarten. Der größte Teil des Parks ist mit Bergföhren, Arven, Lärchen und Fichten bestanden, zwischen denen sich weit gespannte Geröllfelder ausdehnen, die nur ganz oben in nackten Kalkfels übergehen.Das grobkörnige Asphaltband der Straße wirkt hier dennoch nicht wie ein Fremdkörper, störender ist für uns eher die Tatsache, dass uns bei Punt La Drossa, wo auch eine Tunnelverbindung ins Zollfreigebiet von Livigno abzweigt, eine 5 km lange Gegensteigung erwartet, auf der wir dann etwa 180 Höhenmeter überwinden müssen, bevor es bis Zernez wieder abwärts geht.Wir befinden uns im Unterengadin, das sich mit dem bekannteren Oberengadin landschaftlich gesehen nicht messen kann, und radeln nun 6 km auf unschwieriger Strecke aufwärts bis zur kleinen Ortschaft Susch/Süs. Einige alte Festungstürme fallen uns auf, die noch aus dem Mittelalter stammen, als über den Pass Erz von Graubünden nach Nordtirol transportiert wurde. Die Auffahrt zum Flüelapass führt uns über Kopfsteinpflaster aus dem engen Ortskern heraus. Gleich darauf wird die Straße besser, ist gut und wintersicher ausgebaut, kann aber mit Steigungen bis 11% aufwarten. 13,5 km lang ist unsere Auffahrtsstrecke durch das nahezu unbesiedelte Val Susasca hinauf zur Passhöhe, einer eher öden, unwirtlichen Region mit ausgedehnten Geröllfeldern zu Füßen des Flüela-Weißhorns und der Schwarzhorns, die auch von den beiden kleinen Seen, dem Schottensee und dem Schwarzsee, nicht wirklich belebt werden kann.13 km Abfahrt mit Gefälle bis zu 10% trennen uns noch vom mondänen Fremdenverkehrsort Davos. Wer hier ein preisgünstiges Zimmer sucht, tut vielleicht gut daran, dies etwas außerhalb zu versuchen, es sei denn, man wählt den Campingplatz am Ortseingang.

Übersetzungsvorschlag 39/26–28, Streckenverlauf: Bórmio (km 0,0) – Molina (km 3,0) – Baracche del Braulio (km 10,5) – Straßenkreuzung Cantoniera IVa (km 14,0) – (Abstecher Stilfser-Joch-Passhöhe: hin und zurück 6 km) – Umbrailpasshöhe (km 18,5) – Santa Maria Val Müstair (km 31,5) – Valchava (km 33,5) – Tschierv (km 39,0) – Ofenpasshöhe (km 44,5) – Zernez (km 66,5) – Susch/Süs (km 72,5) – Flüelapasshöhe (km 86,0) – Davos Dorf (km 99,0) – Davos Platz (km 99,5) – Davos (km 100,5), Straßenverhältnisse: Knapp 50% der Abfahrtsstrecke am Umbrailpass sind unbefestigt, die feste Erdstraße kann jedoch bei vorsichtiger Fahrweise auch mit schmalen Rennradreifen befahren werden. 2 unbeleuchtete Tunnels 50 und 150 m lang sowie 5 unbeleuchtete Tunnelgalerien mit Engstellen 100 bis 200 m lang bei der Auffahrt über die Südseite des Stilfser Jochs zur Umbrailpasshöhe

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour83 km
Höhenunterschied2810 m
Dauer8.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktBórmio, 1217 m
EndpunktDavos, 1560 m
Hinweise
Übersetzungsvorschlag: 39/26–28 Streckenverlauf: Bórmio (km 0,0) – Molina (km 3,0) – Baracche del Braulio (km 10,5) – Straßenkreuzung Cantoniera IVa (km 14,0) – (Abstecher Stilfser-Joch-Passhöhe: hin und zurück 6 km) – Umbrailpasshöhe (km 18,5) – Santa Maria Val Müstair (km 31,5) – Valchava (km 33,5) – Tschierv (km 39,0) – Ofenpasshöhe (km 44,5) – Zernez (km 66,5) – Susch/Süs (km 72,5) – Flüelapasshöhe (km 86,0) – Davos Dorf (km 99,0) – Davos Platz (km 99,5) – Davos (km 100,5) Straßenverhältnisse: Knapp 50% der Abfahrtsstrecke am Umbrailpass sind unbefestigt, die feste Erdstraße kann jedoch bei vorsichtiger Fahrweise auch mit schmalen Rennradreifen befahren werden. 2 unbeleuchtete Tunnels 50 und 150 m lang sowie 5 unbeleuchtete Tunnelgalerien mit Engstellen 100 bis 200 m lang bei der Auffahrt über die Südseite des Stilfser Jochs zur Umbrailpasshöhe
KartentippGeneralkarte 1:200000 Österreich, Blatt 3 Vorarlberg-Tirol-Südtirol-Oberbayern
VerkehrsanbindungAm günstigsten über die Nordauffahrt des Stilfser Jochs: Autobahn Innsbruck–Bludenz (Inntalautobahn), Ausfahrt 144 Reschenpass/Meran/Sankt Moritz – Schwaighof – Pfunds – Nauders – Reschen/Resia – Mals – Spondinig/Spondigna – Stilfser Joch – Bórmio. Aus dem Etschtal: Autobahnausfahrt San Michele all’Adige/Mezzocorona – San Michele all’Adige – Tonalepass – bei Ponte di Legno – Bórmio
Tipps
Streckenprofil: Höchster Punkt: 2503 m (2757 m bei Auffahrt Stilfser Joch)Tiefster Punkt: 1197 mHöhenmeter Auffahrt: 2810 mHöhenmeter Abfahrt: 2440 mMax. Steigung: 11%Max. Gefälle: 10%Durchschn. Steigung Auffahrt: 5,4%Durchschn. Gefälle Abfahrt: 5%PassangabenUmbrailpass: 2503 m; Auffahrt Bórmio – Passhöhe 18,5 km mit 11% Höchststeigung, 1286 m; Abfahrt Passhöhe – Santa Maria im Münstertal 13 km mit Gefälle bis 11%Abstecher zum Stilfser Joch: 2757 m; Auffahrt Cantoniera IVa, ca. 0,5 km unterhalb der Umbrailpasshöhe, auf 3 km mit 10% Höchststeigung, 277 HmOfenpass: 2194 m; Auffahrt Santa Maria im Münstertal – Passhöhe 13 km mit 10% Höchststeigung, 819 Hm; Abfahrt Passhöhe – Zernez 22 km mit Gefälle bis 10%Flüelapass: 2383 m; Auffahrt Susch/Süs – Passhöhe 13,5 km mit 10% Höchststeigung, 819 Hm; Abfahrt Passhöhe – Davos Dorf 13 km mit Gefälle bis 10%; Sehenswert: Bórmio: Via Roma, Uhrenturm »Torre delle Ore«, Palazzo de Simoni, »Kuerc« (eine Art überdachtes Amphitheater aus dem 13. Jh.); Ofenpass: Schweizer Nationalpark; Zernez: Nationalparkhaus, Schloss; Davos: Altes Pfrundhaus mit Heimatmuseum, Ernst-Ludwig-Kirchner-Museum in Davos Platz
Höchster Punkt
Unterkunft
Sta. Maria Val Müstair: Camping pe da Munt, am Ende der Abfahrt vom Umbrailpass; Zernez: Camping Cul, 15.5.–25.10

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