Bellinzona – Gletsch

Schwer; 10% bzw. 11% Höchststeigung an längeren Abschnitten bei der Auffahrt zum St.-Gotthard-Pass bzw. zum Furkapass (Autor: Rudolf Geser)
Es geht wieder ins Hochgebirge, und das gleich richtig. Vor uns liegt der St.-Gotthard-Pass, dem sich gleich darauf der Furkapass anschließt. 2108 m hoch ist der St. Gotthard, und da unsere Tour auf 231 m Höhe beginnt, steht uns ein langer Anstieg mit guten 1880 Höhenmetern bevor. Am Furkapass geht es nochmals höher, nämlich auf 2436 m, hinauf, dafür liegt unser Ausgangspunkt Hospental mit 1480 m deutlich höher, aber gute 950 Höhenmeter sind dennoch zu bewältigen. Da gilt es, die Kräfte gut einzuteilen, zumal uns noch ein ganz besonderer Abschnitt bevorsteht: das »Tal des Zitterns«, wie die alte Passstraße über die Südseite des St.-Gotthard-Passes von alters her genannt wird.Soviel sei schon jetzt gesagt: Der Begriff leitet sich weniger von den damit verbundenen Anstrengungen ab, die sich etwa in Form von Muskelzittern in den Beinen bemerkbar machen, wenn man mit dem Rad dort hochfährt. Mit 10% Höchststeigung sollte es diesbezüglich eigentlich keine Probleme geben, und auch das Kopfsteinpflaster, das uns hier erwartet, sorgt zumindest bei der Auffahrt für keine größeren Vibrationen.Um der Namensgebung auf die Spur zu kommen, müssen wir uns mit der Geschichte dieser Passstrecke befassen, wozu wir uns von Bellinzona dorthin auf den Weg machen. Schon bald erinnert in der Umgebung nichts mehr an die mediterrane Milde und die Blumenpracht der Seenlandschaft, aus der wir kommen. Bedrohlich drängen sich die bis zu 2000 m hohen Felswände aus Granit und Gneis an den nicht minder steinigen und harten Talboden.Hinter Biasca beginnt das Tal, nunmehr Leventina genannt, in drei Steilstufen fast treppenartig anzusteigen, wobei wir bis Airolo mehr als 800 Höhenmeter überwinden, die sich allerdings auf 36 Streckenkilometer verteilen und die Steigungsverhältnisse in der Regel somit recht moderat ausfallen lassen.Von den Hauptreisezeiten abgesehen ist der Verkehr ebenfalls erträglich, da das Hauptaufkommen von der Autobahn, die teilweise über oder neben uns verläuft, abgezogen wird. Trotz Verkehr lassen die alten Dörfer mit ihren aus grauen Granitsteinen erbauten Häusern noch etwas von der düsteren Romantik aufleben, die hier einst geherrscht haben muss, als nur ein besserer Saumpfad durch das Tal führte.In Giornico sollten wir einen Blick auf die Kirche San Nicola werfen, die im strengen lombardischen Stil der benediktinischen Gründungen erbaut wurde und als bedeutendstes Bauwerk des Tessins gilt. Etwas später überwinden wir über zwei weite Schleifen mit 8% Steigung die Biaschina-Schlucht direkt unter zwei mehr als 180 m hoch aufstrebenden Pfeilern der Autobahn und befinden uns nun in der mittleren Talstufe.Faido ist der dortige Hauptort, einst wichtiger Umschlagplatz und Sitz der Podesta, der Domherren von Mailand. Bei der Durchfahrt kommen wir am schönsten Haus des Ortes vorbei, der Casa di Legno aus dem Jahre 1582, direkt an der Hauptstraße gelegen: ein geschwärzter Holzstrickbau auf gemauertem Erdgeschoss, wie er für die Bauweise der Leventina Ende des 16. Jahrhunderts typisch war.Über die Piottina-Schlucht gelangen wir über Steigungen bis 10% in die dritte Talstufe, »Dazio Grande« genannt, nach einem Zoll, der hier einst zur Instandhaltung des Durchgangs erhoben wurde. Heute wird dieser in Form der Schweizer Autobahnvignette erhoben, aber das alte Zollgebäude neben der Straße ist noch zu sehen. Das Tal weitet sich etwas, hier werden Ackerbau und Viehzucht betrieben und sogar Wein angebaut, der hier in von Granitpfosten abgestützten Pergolen wächst.Über die Stalvedro-Schlucht verlassen wir die Leventina und sind bald in Airolo, einem lebhaften Verkehrsknotenpunkt am Fuße des Gotthardmassivs. Der Verkehr der Autobahn verschwindet im St.-Gotthard-Straßentunnel und taucht erst nach mehr als 16 km in Gö-schenen wieder auf. Der restliche Verkehr zieht über die gut ausgebaute Schnellstraße zur Passhöhe hoch, während wir die alte Straße durch das Val Tremola, das »Tal des Zitterns«, ziemlich für uns alleine haben werden.Lassen Sie sich von der Namensgebung nicht allzu sehr abschrecken, er stammt noch aus dem vorletzten Jahrhundert, als das Gotthardmassiv noch nicht regelrecht verbaut und von einem Straßennetz durchzogen, sondern eine beinahe weltabgeschiedene Region war. Damals war das Tal der einzige Weg über den Pass und Gefahr ging vor allem von den Lawinen aus, denen man an den steilen, fast baum- und strauchlosen Bergflanken schutzlos ausgesetzt war.Ansonsten präsentiert sich die 14 km lange Auffahrtsstrecke wenig gefährlich. Engstellen und Steilabbrüche sind nicht vorhanden, die 24 engen Kehren ziehen sich in angemessener Steigung von 10% schleifenartig nach oben und auch die kopfsteingepflasterten Abschnitte stecken unsere Räder gut weg. Bei Regen oder schlechten Sichtverhältnissen sollte das Val Tremola dennoch gemieden werden, denn dann kann es vorkommen, dass das Wasser aus den Geröllfeldern am Straßenrand fast ungehindert in gewaltigen Bächen über die Fahrbahn schießt, ohne dass irgendwo ein Baum, ein Strauch oder eine Hütte Schutz bietet.Die gut 930 Höhenmeter ziehen sich dann ziemlich in die Länge und so ist es in jedem Fall besser, auf die neue Trasse auszuweichen, die diesen Abschnitt am gegenüberliegenden Berghang in zwölf weiten Kehren mit 10% Höchststeigung umgeht. Drei Tunnels, 20 bis 150 m lang, zwei Tunnelgalerien von 120 und 630 m Länge sowie sechs Galerien bis 620 m Länge sind dabei in Kauf zu nehmen.Auf der Passhöhe, einer öden Hochfläche, mit glatt geschliffenen Steinbrocken, zwischen denen sich kleinere Seen verstecken, erwarten uns mehrere Gasthäuser zur Rast. Lohnend ist aber auch ein Besuch im ehemaligen Hospiz, in dem heute ein Museum untergebracht ist, das eindrucksvoll die früheren Gefahren bei der Durchquerung des Tales zeigt.Die Abfahrt über die Nordrampe endet nach 9 km mit Gefälle bis 10% in Hospental, einer kleinen Ortschaft im oberen Urserental. Hier laufen nicht nur die Passrouten über den St. Gotthard, den Furka und den etwas östlich bei Andermatt gelegenen Oberalppass zusammen, es entspringen auch im Umkreis von wenigen Kilometern die Flüsse Reuss, Rhône und Ticono.Unser Anstieg zum Furkapass beginnt mit einer leichten Abfahrt auf dem ersten Kilometer, dann rollen wir noch gute 4 km eben dahin, bevor es kurz vor Realp wieder aufwärts geht. Nach dem Ort nimmt die Steigung gleich auf 11% zu und wir gewinnen rascher an Höhe. Rückblickend ergeben sich schöne Blicke auf die Gotthardgruppe im Süden, und im Osten kann man die Kehrengruppe, die sich zum Oberalppass hinaufzieht, erkennen. Wir überwinden sieben Kehren bei nicht nachlassender Steigung bis zum Hotel Galenstock, danach verläuft die Trasse kehrenlos mit Steigungen zwischen 8 und 11% bis zur Poststation Tiefenbach. Noch einmal zwei Kehren, dann ist die Scheitelstrecke mit den Hotels »Furka« und »Furkablick«, zwischen denen auch die Grenze zwischen den Kantonen Uri und Wallis verläuft, erreicht.Der Name »Furkablick« deutet auf die Aussicht auf die vergletscherten Drei- und Viertausender der Berner Alpen im Westen hin, wo über den Kehren des Grimselpasses vor allem die Spitzen von Lauteraarhorn und Fischerhörner sich von der Bergkette abheben und selbst der berühmte Eigergipfel zu erkennen ist.Einen Pflichtstopp gilt es 2,5 km weiter und 200 Höhenmeter tiefer beim Hotel »Belvédère« einzulegen: Vom Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit dem Rhônegletscherkiosk sind es nur wenige Schritte zur Zunge des Rhônegletschers, der von den Hängen des 3631 m hohen Dammastockes herabzieht. Nirgendwo sonst in den Alpen kommen wir mit dem Fahrrad einem Gletscher so nahe, und es ist schon ein beeindruckendes Gefühl, auch wenn es sich hier um den eher kläglichen Rest eines Eisstroms handelt, der noch vor 300 Jahren das ganze Talbecken unter uns ausfüllte und während der Eiszeit bis Lyon in Frankreich reichte.Durch eine Eisgrotte kann man sogar gut 100 m ins Innere des Gletschers vordringen und das teils beängstigende Knacken des Eises und Rauschen von Wasser vernehmen. Am Ende des Gangs wartet ein als Eisbär verkleideter Souvenirverkäufer und auch ein Fotograf bietet seine Dienste an. Ob unsere Radbekleidung für diesen Ausflug geeignet ist, ist aber eher zu bezweifeln.5 km Abfahrt mit Gefälle bis 11% liegen bis Gletsch noch vor uns, an deren Ende man scharf abbremsen sollte, da die Gleise der Furkabahn, einer nostalgischen Zahnrad-Dampfbergbahn, für unsere schmalen Reifen durchaus ein Gefahrenpotenzial darstellen.

Übersetzungsvorschlag 39/26–28, Streckenverlauf: Bellinzona (km 0,0) – Arbedo (km 3,0) – Castione (km 4,0) – Claro (km 8,0) – Biasca (km 20,0) – Pasquiero (km 21,5) – Airolo (km 57,5) – St.-Gotthard-Passhöhe (km 71,0) – Hospental (km 80,5) – Realp (km 87,5) – Tiefenbach (km 94,5) – Furkapasshöhe (km 98,5) – Gletsch (km 110,0), Straßenverhältnisse: Bei Nässe und schlechten Witterungsverhältnissen sollte die alte Passstraße am St.-Gotthard-Pass von Airolo durch das Val Tremola zur Passhöhe mit ihren 24 engen, teilweise kopfsteingepflasterten Kehren in jedem Fall gemieden und die gut ausgebaute Nationalstraße 2 (im obersten Bereich 2,6 km lange Tunnelgalerie) benützt werden. Bei der Abfahrt vom Furkapass erhöhte Vorsicht bei Überquerung der Bahngleise vor Gletsch. Passöffnungszeiten: St.-Gotthard-Pass 15.5.–15.11.; die alte Straße durch das Val Tremola wird auch während des Öffnungszeitraums bei Schlechtwetter gesperrt; Furkapass 1.6.–31.10.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour110 km
Höhenunterschied2922 m
Dauer9.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktBellinzona, 231 m
EndpunktGletsch, 1759 m
Hinweise
Übersetzungsvorschlag: 39/26–28 Streckenverlauf: Bellinzona (km 0,0) – Arbedo (km 3,0) – Castione (km 4,0) – Claro (km 8,0) – Biasca (km 20,0) – Pasquiero (km 21,5) – Airolo (km 57,5) – St.-Gotthard-Passhöhe (km 71,0) – Hospental (km 80,5) – Realp (km 87,5) – Tiefenbach (km 94,5) – Furkapasshöhe (km 98,5) – Gletsch (km 110,0) Straßenverhältnisse: Bei Nässe und schlechten Witterungsverhältnissen sollte die alte Passstraße am St.-Gotthard-Pass von Airolo durch das Val Tremola zur Passhöhe mit ihren 24 engen, teilweise kopfsteingepflasterten Kehren in jedem Fall gemieden und die gut ausgebaute Nationalstraße 2 (im obersten Bereich 2,6 km lange Tunnelgalerie) benützt werden. Bei der Abfahrt vom Furkapass erhöhte Vorsicht bei Überquerung der Bahngleise vor Gletsch. Passöffnungszeiten: St.-Gotthard-Pass 15.5.–15.11.; die alte Straße durch das Val Tremola wird auch während des Öffnungszeitraums bei Schlechtwetter gesperrt; Furkapass 1.6.–31.10.
KartentippGeneralkarte 1:200000 Schweiz, Blatt 2 Öst-licher Teil-Zentralschweiz
VerkehrsanbindungAutobahn Bregenz–Mailand, Ausfahrt 18 B204/Dornbirn-Süd/Lustenau – Richtung St. Gallen/CH/Lustenau/Zollamt Lustenau – Richtung Ausfahrt 11 San Bernardino/Chur – Ausfahrt 45 Bellinzona Nord – Bellinzona
Tipps
Passangaben: St.-Gotthard-Pass: 2108 m; Auffahrt von Airolo über die alte Straße durch das Val Tremola 13,5 km mit 10% Höchststeigung, 933 Hm (alternativ bei Schlechtwetter oder gesperrter Straße Auffahrt über die gut ausgebaute Nationalstraße 2 mit 10% Höchststeigung); Abfahrt Passhöhe – Hospental 9,5 km mit Gefälle bis 10%Furkapass: 2436 m; Auffahrt Hospental – Passhöhe 18,5 km mit 11% Höchststeigung, 956 Hm; Abfahrt Passhöhe – Gletsch 11,5 km mit Gefälle bis 11%StreckenprofilHöchster Punkt: 2436 mTiefster Punkt: 231 mHöhenmeter Auffahrt: 2922 mHöhenmeter Abfahrt: 1387 mMax. Steigung: 12%Max. Gefälle: 11%Durchschn. Steigung Auffahrt: 3,8%Durchschn. Gefälle Abfahrt: 4,3%; Sehenswert: Airolo: Festung (geführte Besichtigungen) St.-Gotthard-Passhöhe: Gotthardmuseum (Juni–Okt. tgl. 9–18 Uhr); Furkapass: Rhônegletscher mit Gletschergrotte gegenüber dem Hotel Belvédère bei der Abfahrt; Gletsch: Hotel Glacier du Rhône aus der Belle Epoque, Gletscherlehrpfad bei der Englischen Kapelle hinter dem Hotel, Bahnhof der Dampfbahn Furka-Bergstrecke
Höchster Punkt
Unterkunft
Claro: Camping Al Censo, 1.4.–15.10.; Realp: Camping Realp, Furkastr., 1.6.–31.9.

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