VIA FERRATA GIOVANNI LIPELLA

Insgesamt sehr alpine Unternehmung, für die gute äußere Bedingungen wichtig sind (sicheresWetter, kein Altschnee oder Eis), ebenso Bergerfahrung und eine gute Kondition. Klettersteig bis zu den Tre Dita wenig anspruchsvoll, zum Gipfel hin dann deutlich schwieriger. Einmalig: die Kulisse der Tofana- Westwand. Der Abstieg vom Gipfel über den Nordrücken kann bei Nässe, Schnee oder Eis sehr heikel sein (Steigeisen evtl. ratsam, dazu Teleskopstöcke). (Autor: Eugen E. Hüsler und Manfred Kostner)
18 km
1400 m
7.00 h
Zum Gipfel!
So stand es in meinem Buch »Klettersteige in den Ostalpen«, erschienen 1987. Die Sicherungen sind inzwischen erneuert worden, und wie damals gibt es an den »Drei Fingern« (Tre Dita) zwei Möglichkeiten, die Tour fortzusetzen: hinauf oder hinüber. Natürlich lockt der Gipfel der Tofana di Rozes (3225 m), doch Anfänger seien gewarnt: Der Aufstieg zum Nordwestgrat ist um einiges anspruchsvoller, verlangt an zwei Steilpassagen vollen Einsatz! Einsteiger tun deshalb gut daran, zum Rifugio Giussani hinüberzuqueren und den Dreitausender auszulassen; erfahrene Klettersteigler freuen sich bereits während der langen (langweiligen?) Querung zu den Tre Dita auf dieses Filetstück der Tour: nochmals knapp 300 Höhenmeter in überwiegend steilem, teilweise fast senkrechtem Felsgelände, gesichert bloß mit einem dicken Drahtseil. Zum Schluss gibt’s dann noch reichlich Geröll, doch wird man für die Mühen des wenig anregenden Hatschers durch eines der stimmungsvollsten Pano-ramen der Dolomiten reichlich entschädigt. Massiges Gegenüber ist die Tofana di Mezzo (3244 m), und an ihrem lang gestreckten Südgrat hängen ebenfalls Drahtseile (siehe Touren 25–27).
Zustieg.
Vom Rifugio Dibona (2037 m) steigt man zunächst auf der breiten Schotterpiste über ein paar Kehren an zur Talstation der Rifugio-Giussani-Materialseilbahn. Hier halblinks und erst zwischen Latschen, dann an dem steinigen Grashang schräg bergan zur Grotta della Tofana (gesicherter Zugang, lohnend!) und in leichtem Auf und Ab unter der Südwand der Tofana di Rozes hinüber zum Beginn der Ferrata (ca. 2450 m).
Via ferrata Giovanni Lipella.
Eine Geröllspur führt steil hinauf zu einem düsteren Loch unter Überhängen. Mit Hilfe zweier Eisenleitern gewinnt man den Eingang zum stockfinsteren Castellettostollen, der, rund 500 Meter lang, im Berg steil ansteigt (Stufen, Handlauf). Er hat zwei Ausgänge; der erste leitet direkt auf das Geröllfeld im Rücken des Castelletto, vom zweiten muss man etwas absteigen (Drahtseil).
Die »Via ferrata Lipella« führt quer durch die Westwand der Tofana di Rozes; man wandert, überwiegend am sichernden Drahtseil, über Geröllterrassen und schmale Felsbänder, quert abschüssige Gräben und steigt über gut gesicherte, kurze Steilstufen an. Der Höhen-gewinn bleibt dabei allerdings bescheiden, er wird durch die nach Norden abfallenden Dolomitschichten, denen die Ferrata folgt, immer wieder zunichte gemacht. Dafür bietet dieser erste Abschnitt der Ferrata faszinierende Landschaftsbilder: Felsmauern rundum, und über dem Travenanzestal bauen sich die Fanistürme auf. Nach gut anderthalb Wander- und Kletterstunden mit zwei etwas fordernden Steilanstiegen ist das breite Band gewonnen, das hinausläuft zu den »Drei Fingern« (Tre Dita, 2694 m). Ein Pfeil weist links zum Rifugio Giussani (»Cantore«, markierter Zwischenabstieg); die Fortsetzung der »Lipella« (Hinweis »Cima«) folgt – hier ungesichert – einem sanft ansteigenden Felsband. Dann geht’s wieder nach oben, erst steil, dann leichter und schließlich nochmals gut 10 Meter nahe der Vertikalen. Unter senkrechten, hoch ragenden Mauern quert die Ferrata, wieder natürlichen »Straßen« folgend, nach rechts; zuletzt leiten die Drahtseile über gestufte Felsen zum Ausstieg (ca. 2960 m). Wenig höher, am Grat, stößt man auf den Normalweg. Mit ihm über den Geröllrücken zum Gipfel und zum großen Panorama.
Abstieg.
Auf dem Normalweg steigt man über den Nordrücken der Tofana di Rozes ab in die Forcella Fontananegra, wo das Rifugio Giussani (2580 m) steht. Reichlich Geröll, Schrofen und leichte Felsstufen wechseln dabei ab; bei Nässe oder Vereisung kann der Weg recht heikel sein. Aus der mit Bergsturztrümmern übersäten Senke führt ein breiter, ehemaliger Kriegsweg in Kehren hinunter in den Valon de Tofana und zurück zum Rifugio Dibona.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour18 km
Höhenunterschied1400 m
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktRifugio Dibona (2037 m), löchrige und nur zum Teil asphaltierte Zufahrt von der »Großen Dolomitenstraße«; Abzweigung etwa auf halber Strecke zwischen Cortina d’Ampezzo und dem Passo Falzárego
Endpunktwie Ausgangspunkt
Tourencharakter»Dass die Tofana di Rozes auch eine ›Rückseite‹ hat, könnte man angesichts ihrer grandiosen Südwand fast vergessen. Dabei braucht sich die Westflanke keineswegs zu verstecken: ein breiter, massig aufstrebender Bergkörper, regelmäßig gebändert, das oberste Travenanzestal um immerhin rund einen Kilometer überragend. Während die ›Schauseite‹ – jenes viel be-wunderte, tausendfach auf Zelluloid gebannte Monumentalbild an der ›Großen Dolomitenstraße‹ – den Kletterern reserviert ist, die auch obere Schwierigkeitsgrade beherrschen, hält die Westwand für Ferratageher einen besonderen Leckerbissen bereit: die ›Via Lipella‹, eine echte Traumstraße im Dolomitfels, mit fast eineinhalb Kilometern Drahtseil gesichert.«
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 03 »Cortina d’Ampezzo«
MarkierungenOrdentlich bezeichnete Wege. Bei Nebel oder Altschnee kann die Orientierung in der Nordflanke der Tofana di Rozes problematisch werden.
GastronomieRifugio Giussani (2580 m), Mitte Juni bis 20. September, Tel. 0436/5740
Tipps
Erläuterung zum Schwierigkeits-Grad: Von K1 - steht für: "Leicht" bis K6 - steht für: "Extrem schwierig"
Informationen
Schwierigkeit: K 3–4 (ziemlich schwierig-schwierig)

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