VIA FERRATA BERTI

Insgesamt anspruchsvolle Klettersteigrunde, die neben einer tadellosen Kondition auch Bergerfahrung verlangt. Als Tagestour nur für absolute Konditionsbolzen; schöner mit einer Übernachtung. Grandiose Kulisse und vom Gipfel ein Panorama, das vom Alpenhauptkamm bis zur Adria reicht. Die Sicherungen an den drei Klettersteigen sind in gutem Zustand. Bitte beachten: Der GPS-Track umfasst die Routen der drei Vie Ferrate Zacchi, Berti und Marmol. (Autor: Eugen E. Hüsler und Manfred Kostner)
9 km
2150 m
10.00 h
Traumlandschaft.
Wichtiger als ein dicker Bizeps ist auf diesen Routen, die mit Ausnahme jener auf den Monte Pelf schon fast ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben, eine tadellose Kondition, auch bei einer Übernachtung auf der Hütte. Die klassische Schiararunde vom Tal aus in einem Tag trauen sich nur echte Konditionsbolzen zu; Genießer wählen eine andere, entschieden empfehlenswertere Variante mit Übernachtung im Albergo Bernardina. Das entpuppt sich als bescheidene Biwakschachtel (die man dafür auch kostenlos nutzen darf) mit sechs Liegen, ein paar Wolldecken und einer Lage, die leicht fünf Sterne verdienen würde. Da ist der viel zitierte Bergsteigerhimmel buchstäblich zum Greifen nahe, wenn die ersten Sonnenstrahlen an der fantastisch schlanken Felsnadel der Gusela züngeln, während die Marmolada-Südwand bereits im prallen Licht steht. Die Gusela ist kaum weiter als einen Stein-wurf entfernt, und in der Nacht, wenn fahles Mondlicht auf sie fällt, scheinen die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben. Geologen sehen die Situation wesentlich nüchterner: Sie befürchten, dass dieses Stück »art natur« bald, den Newtonschen Gesetzen folgend, abrutschen und ins Tal stürzen könnte.
Zustieg.
Die große Tour startet gemütlich; auf einer breiten Trasse, die zunächst sanft ansteigt, wandert man ins Valle d’Ardo, mit gelegentlichen Tiefblicken in den Grund des tief eingeschnittenen Grabens. Ganz allmählich senkt sich der schöne Weg zum Ardobach, den man am Ponte del Mariano (681 m) auf solider Brücke überquert. Hier mündet von Osten das Val de Rui Fret; beim weiteren Anstieg dürfte es den meisten allerdings nicht gerade kalt werden (fret = freddo). Der komfortable Weg wechselt in der Folge dreimal die Talseite, um dann über ein paar Schleifen zum Rifugio 7° Alpini (1502 m) anzusteigen. Einmalig die Lage der Hütte vor einem Halbrund himmelhoch aufragender Felsgipfel. Gleich hinter dem Haus weisen Tafeln zu den Klettersteigen »Marmol« und »Zacchi«. Man quert ein ausgetrocknetes Bachbett und folgt der deutlichen Spur, die im Zickzack über einen erst noch licht bewaldeten, dann zunehmend steinigen Hang hinaufzieht zum Einstieg rechts eines riesigen Felsportals (ca. 1760 m; Tafel).
Via ferrata Berti.
Noch vor dem win-zigen Refugium weist eine Schrift am Fels zum Gipfel. Über Schrofen steigt man auf zu einer Leiter; dann geht’s unter mächtigen Überhängen weiter schräg bergan zu einer zweiten, senkrechten Sprossenfolge, der man mit leichten Verrenkungen in eine Spalte entsteigt. Weitere Sicherungen leiten in dem unübersichtlichen, stark gegliederten Fels-gelände auf einen Grat, der mit Eisenbügeln und zwei Leitern gangbar gemacht ist. In einem Linksbogen in Schrofengelände geht’s zum Gipfelgrat und rechts haltend zum höchsten Punkt (2565 m) des Massivs.
Abstieg zum Bivacco Marmol.
Drahtseilsicherungen weist auch die Gratüberschreitung zu den Anticime Est (2531 m und 2506 m) auf. Über einen abgerundeten, gra-sigen Rücken steigt man anschließend zu einer Verzweigung oberhalb der Forcella del Marmol ab, wo der Weg vom Rifugio Bianchet einmündet. Hier rechts hinunter zum Bivacco Marmol (2266 m).
Abstieg.
Auf dem Anstiegsweg steigt man ab zum Rifugio 7° Alpini (1502 m) und durchs Valle d’Ardo hinaus zum Ausgangspunkt der großen Klettersteigrunde bei den Case Bortot.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour9 km
Höhenunterschied2150 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktCase Bortot (694 m); Anfahrt von Belluno via Bolzano (Belluno) und Gioz, 7 km; Wanderparkplatz
Endpunktwie Ausgangspunkt
TourencharakterFür deutschsprachige Bergsteiger liegt die Schiara ganz hinten, der Lagunenstadt Venedig viel näher als dem südlichsten Südtiroler Dorf. Da überrascht es nicht, dass bis in die 1960er-Jahre hierzulande kaum jemand diese faszinierende Dolomitengruppe kannte, erst Toni Hiebeler auf sie aufmerksam machte und auch darauf hinwies, dass ein Münchner Alpinist als Erster auf dem Gipfel der Schiara stand: Gottfried Merzbacher (1878), der später ausgedehnte Reisen in asiatische Gebirge unter-nahm (vgl. S. 44). Die Schiarabesteigung muss es ihm sehr angetan haben, bezeichnete er das Panorama vom Gipfel doch später als das über-wältigendste der gesamten Dolomiten. Darüber lässt sich streiten, trotz Adriablick und faszinierender (auch weil wenig bekannter) Südansicht der meisten großen Gipfel zwischen Eisack und Piave. Faszinierender fand ich die wilden Täler, die mehr Schluchten sind, und dann vor allem die Kulisse um und über dem Rifugio 7° Alpini. Beim Hinaufschauen zum Schiaragipfel, der gut 1000 Meter über dem Hüttendach im Himmel schwebt, kann man sich leicht eine Genickstarre holen, und der Klettersteigler tut sich schwer, auf Anhieb zu akzeptieren, dass immerhin drei Vie ferrate durch diese abweisende Felsphalanx verlaufen, Genussrouten dazu und noch ohne wirklich große Schwierigkeiten.
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 024 »Prealpi e Dolomiti Bellunesi«
GastronomieRifugio 7° Alpini (1502 m), Anfang Juni bis Ende September, Tel. 0437/941631. Biwaks Ugo Della Bernardina (2320 m) und Sandro Bocco al Marmol (2266 m), beide stets zugänglich
Tipps
Erläuterung zum Schwierigkeits-Grad: Von K1 - steht für: "Leicht" bis K6 - steht für: "Extrem schwierig"
Informationen
Schwierigkeit: K 3 (ziemlich schwierig)