SENTIERO FERRATO IVANO DIBONA

Traumroute in den Ampezzaner Dolomiten (Autor: Eugen E. Hüsler und Manfred Kostner)
14 km
1750 m
6.00 h
Relikte aus vergangener Zeit.
Weniger heiter stimmen allerdings die vielen Relikte aus dem Ersten Weltkrieg, denen man hier allenthalben begegnet. 1915–17 verlief die Dolomitenfront auch quer durch das Cristallomassiv; die Österreicher hielten die schroffen nörd-lichen Gipfelgrate besetzt, während die Alpini den lang gestreckten Westgrat des Massivs stark ausbauten und befestigten. So führte eine Seilbahn aus dem Val Padeòn hinauf zur gleichnamigen Scharte, am Grat wurden Stollenlöcher in den Fels getrieben, am Zurlon Truppenunterkünfte errichtet.
Zu größeren Frontverschiebungen kam es dabei – wie fast überall in den Dolomiten – nicht, trotz heftiger Attacken vor allem der Italiener. Die Grat- und Gipfelstellungen blieben auch im Winter besetzt, obwohl während der kalten Jahreszeit keine Kampfaktionen möglich waren, die Lawinengefahr dafür die Versorgung der vordersten Linien oft fast unmöglich machte. »Kaum waren die letzten Schüsse der Oktoberangriffe im Schönleiten-Forame-Gebiet verhallt, als auch schon der Winter mit starken Schneefällen seinen Einzug hielt und den Kämpfenden die Waffen aus der Hand nahm. […] Anfang November schneite es Tag für Tag, und große Schneemengen erstickten jeden feindlichen Angriffsversuch.« (Hauptkamm Gaido) Die Klettersteigler unserer Zeit kommen natürlich im Sommer, wenn die Sonne scheint und höchstens in den schattseitigen Hochkaren noch ein paar kümmerliche Firnreste kleben. Sie lassen sich mit den Cristallo-Liften bis hinauf in die Forcella Stounies (2918 m) befördern, wo man dann von einem Drahtseil zum andern »umsteigt«.
Sentiero ferrato Ivano Dibona.
Die Route startet gleich hinter der Liftstation, führt über eiserne Stiegen auf eine Schulter, dann mit Drahtseilsicherungen auf den Grat. Man passiert einen kurzen Tunnel und steht unvermittelt vor dem großen Gag der Ferrata, der 27 Meter langen Hängebrücke (»Ponte Ferrato«). Sie überspannt einen tiefen Einschnitt; dahinter helfen zwei Eisenleitern über steile Felsstufen auf einen breiten, abgeflachten Schuttrücken. Wenig weiter folgt links die Abzweigung zum Cristallino d’Ampezzo (3008 m), den man allein schon deshalb besteigen muss, weil er – wenn auch nur knapp – über die magische Höhenkote (3000 m!) hinausragt. Drahtseile leiten am Verbindungsgrat in eine Rinne und durch sie zum Kreuz (10 Minuten) und zur grandiosen Dolomitenschau.
Die Fortsetzung des »Dibona-Steigs« führt über Felsen (Leiter, Drahtseile) hinunter in die markante Geröllsenke der Forcella Granda (2874 m). Aus der Scharte kann man rechts durch das Foramekar zur »Via ferrata Renè de Pol« und zu den ehemaligen österreichischen Stellungen absteigen, links durch die steile Geröllrinne zur Liftstation Son Forcia (2225 m) abfahren. Letztere Alternative kommt aber nur als »Notausstieg« in Frage, etwa wenn ein heftiges Gewitter droht.
Nächster Hochpunkt an der Route ist Cresta Bianca (2932 m), die in kurzem Anstieg über Bänder und leichte Felsstufen (Drahtseile) gewonnen wird. Dahinter geht es über Schrofen, Felsstufen und Geröllbänder (Holzstege) hinab in die Forcella Padeòn (2760 m) mit einem Unterstand und den Ruinen einer Seilbahnstation aus dem Ersten Weltkrieg. Jenseits der Scharte wendet sich der »Sentiero Dibona« in die Westflanke des Col Padeòn (2862 m); nach kurzem Gegenanstieg läuft er auf teilweise mit Drahtseilen gesicherten Felsbändern unter dem Vecio del Forame (2868 m) diagonal abwärts, führt schließlich zurück zum Grat und in die Forcella Alta (ca. 2650 m). Aus der Minischarte rutscht man links in einer Sandreiße zwischen den Felsen ab zu einer Verzweigung. Hier warnt kein Schild mehr vor dem weiteren Abstieg ins Val Padeòn; vielmehr leiten neue Drahtseile rechts der breiten Rinne über gestufte Felsen hinunter ins Tal (Abkürzung zur Liftstation Son Forcia).
Die Fortsetzung des »Sentiero Dibona« steigt unter mächtigen Felsen kurz auf zur Forcella Bassa (2417 m). Dahinter geht’s an einem gestuften Felsrücken (Drahtseile) abwärts in einen wilden Graben, dem man über eine altersschwache Leiter wieder entsteigt. Ein ehemaliger Kriegsweg führt anschließend ohne größere Höhenunterschiede zu den alten Kriegsstellungen am Zurlòn (2363 m). Die Markierungen leiten hier links durch eine seichte Rinne hinab; zurück am Grat ist bald die ehemalige Artilleriestellung am Col dei Stonbe (2168 m) erreicht. Auf den vielen Serpentinen einer kunstvoll angelegten Mu-lattiera wandert man schließlich zwischen Latschenfeldern und in lichtem Lärchenwald hinunter ins Tal.
Abstieg.
Auf dem Sandsträßchen rechts hinaus nach Ospitale (1474 m) an der Strada Statale No.51. Alternativ bietet sich ein Aufstieg durch das Val Padeòn zur Liftstation Son Forcia (2225 m) an; etwa 1.30 Stunden.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour14 km
Höhenunterschied1750 m
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktBergstation der Cristallo-Bahnen in der Forcella Stounies (2918 m); Anfahrt zur Talstation (1698 m) von Cortina d’Ampezzo über die Tre-Croci-Passstraße. Die erste Sektion wurde erst vor ein paar Jahren total erneuert; hinauf zur Bergstation tragen einen bis auf weiteres noch die uralten, klapperigen Mini-Gondeln.
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterKlettersteige gibt’s rund um Cortina d’Ampezzo ja genug, große und kleine, anspruchsvolle und leichte. Dass hier die meisten Touren, ob mit oder ohne Eisen, die reinste Augenweide sind, braucht dabei nicht betont zu werden: Dolomiten pur. Das gilt ganz besonders für einen der längsten und schönsten Höhenwege der Gegend, den »Sentiero ferrato Ivano Dibona«. Die Erhebungen im Nordwestkamm des Cristallomassivs gewinnen zwar – im Vergleich zu den Cadini, den Tofane oder der Croda da Lago – keinen Schönheitswettbewerb; die Cresta Bianca (2932 m) etwa, die man im Zuge dieser grandiosen Kammroute überschreitet, gleicht mehr einem Ameisenhügel als einer ordentlichen »Zinne«. Dafür stehen umso mehr prächtig gebaute Zacken im Panorama – fast die gesamte Gipfelprominenz der östlichen Dolomiten ist vertreten, und im Südwesten blinkt sogar der weiße Firnschild der Marmolada (3343 m) über dem Falzáregopass.Für Einsteiger, die über eine ordentliche Kondition verfügen, ist der »Sentiero ferrato Ivano Dibona« fast die Idealroute: es gibt reichlich Eisenkontakt, doch auch das Gehen im ungesicherten Schrofengelände wird trainiert. Da die Route, soweit sie nicht direkt am Grat verläuft, fast durchgehend den sonnseitigen Hängen und Bändern folgt, liegt über der Landschaft eine fast heitere Note.
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 03 »Cortina d’Ampezzo«
MarkierungenOrdentlich markierte Route
GastronomieRifugio Lorenzi (2932 m) bei der Bergstation des Cristallo-Lifts
Informationen
Schwierigkeit: K 2 (mittel)
Tourismusbüro
Ufficio Informazioni, Corso Italia, I-32043 Cortina d’Ampezzo, Tel. +39/0436/27 11,cortina@infodolomiti.it, www.dolomiti.org

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