Weser - Von Bad Karlshafen nach Höxter

Hindernisfreie, klassische Kanuwanderung, die durch die nur wenig vorhandene Berufsschifffahrt nicht beeinträchtigt wird, im Weserbergland mit viel Sehenswertem entlang der Ufer. (Autor: Michael Hennemann)
Der Wegverlauf.
Als es Abend am Campingplatz in Bad Karlshafen wird, erstrahlen die weißen Häuser der Altstadt am gegenüberliegenden Ufer in der untergehenden Sonne. Bereits am Nachmittag waren wir über die Brücke in die Innenstadt geschlendert, um uns die symmetrische, barocke Stadtanlage anzuschauen, die eine willkommene Abwechslung zu den sonst in der Region häufig anzutreffenden mittelalterlichen Fachwerkstädten ist.
Zentraler Punkt dieser am Reißbrett geplanten Stadt ist das Hafenbecken, in dem allerdings nie ein Schiff anlegte. Geplant war ein Kanal durch das Diemeltal Richtung Kassel. Da das Stapelrecht Hann. Mündens zur Folge hatte, dass die besten Waren in den Speichern der Mündener Kaufleute blieben, fühlte sich die Residenzstadt Kassel benachteiligt und man begann 1722 den Bau eines Kanals, der Kassel unter Umgehung Hann. Mündens mit der Weser verbinden sollte. Schon bald aber mussten die Konstrukteure feststellen, dass die Wassermenge der Diemel nicht für eine schiffbare Tiefe ausreichte, und der Kanalbau kam zum Erliegen.
Direkt hinter dem künstlich angelegten Hafenbecken thront das ehemalige Packhaus, das heute das Rathaus der Stadt beherbergt, mit einem mächtigen Walmdach und zentralem Dachreiter. Ein weiterer Anziehungspunkt im Stadtkern Bad Karlshafens ist in einer ehemaligen Zigarrenfabrik untergebracht. Das Deutsche Hugenotten-Museum dokumentiert auf zwei Etagen die Geschichte der Hugenotten in Frankreich und Deutschland.
Nach dem Start in Bad Karlshafen führt uns die Weser vorbei an den Hannoverschen Klippen. Rund 75 Meter hoch überragen diese imposanten Klippen die Weser, die sich im Laufe von Jahrtausenden ihr Flussbett tief in den Buntsandstein gegraben hat. Der Name erinnert an die frühere Zugehörigkeit zur Provinz Hannover und von dem Aussichtspunkt auf den Klippen sieht man nicht nur den nächsten Ort am Weserufer Herstelle, sondern man hat auch einen umfassenden Dreiländerblick über das hessische, das ostwestfälische und das niedersächsische Weserbergland. Die Weser ist ein alter Handels- und Transportweg, den schon die Römer nutzten, um ihre Truppen von Norden aus ins damalige Germanien zu bringen. Nach dem Ende des Römischen Reiches übernahmen Friesen die Handelstätigkeit und verfrachteten die in der Küstenregion gefertigte Muschelgruskeramik weseraufwärts bis nach Höxter und zum Kloster Corvey. Im 9. und 10. Jahrhundert sind wohl auch die Wikinger auf der Weser gesegelt.
Vom 8. bis ins 19. Jahrhundert kamen Treidelschiffe zum Einsatz. Diese Schiffe wurden durch Menschen- oder Pferdekraft vom Ufer aus flussaufwärts gezogen. Um ein Schiff auf diese mühsame Weise von Bremen nach Hann. Münden zu transportieren, brauchte es mehr als zwei Wochen.
Schneller und leichter wurde die Fahrt, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Dampfschifffahrt aufkam. 1817 war auf der Weser das erste Dampfschiff von Vegesack nach Bremen unterwegs und 1819 legte das erste Dampfschiff in Münden an. Auf der Oberweser sind, neben Kanuten und Ruderern, fast ausschließlich Passagierschiffe unterwegs, auf der Unterweser überwiegen auch heute noch die Lastschiffe.
Von Mitte April bis Mitte Oktober bringt täglich von 8 bis 18 Uhr eine Weserfähre vor allem Radler auf dem Weserradweg, die sich Burg und Kloster des alten Fischerdorfes anschauen wollen, von Würgassen nach Herstelle. Die Fähre wurde vermutlich im 15. Jahrhundert als Tiefseilfähre eingerichtet, mit zunehmendem Schiffsverkehr jedoch 1902 durch eine Hochseilfähre abgelöst. Am Anleger in Herstelle bietet das Gasthaus Zur Fähre eine Pausen- und Übernachtungsmöglichkeit.
Das Kernkraftwerk Würgassen war das erste rein kommerziell genutzte Kraftwerk der Bundesrepublik, das 1971 in Betrieb ging. Als der TÜV 1994 bei einer Routineinspektion Haarrisse in einem Stahlzylinder am Reaktorkern entdeckte, verlangten die Behörden einen Austausch des Zylinders und kündigten ein neues Genehmigungsverfahren an. Da das den Betreibern zu teuer war, wurde 1995 die Stilllegung beschlossen und seit 1997 befindet sich das Kernkraftwerk im Rückbau.
Am linken Ufer ziehen die Fachwerkgiebel der Häuser von Beverungen und der Biergarten am Restaurant Altes Fährhaus vorüber und von einem Ausflugsdampfer der Oberweserdampfschifffahrtsgesellschaft winken uns die Passagiere freundlich zu. Obwohl die Häuser und Siedlungen entlang der Ufer nun etwas mehr werden, bleibt es idyllisch und naturnah. Kühe und Pferde beobachten von ihren Weiden aus das Geschehen auf der Weser und Milan und Mäusebussard kreisen hoch in der Luft und spähen nach Beute.
Nicht auf der Suche nach Beute, aber ebenfalls hoch über der Weser thront das Renaissanceschloss Fürstenberg, ein restauriertes Schloss im Stil der Weserrenaissance. Ein Abstecher zum Schloss lohnt sich nicht nur wegen der dortigen Porzellanmanufaktur (neben Berlin, Meißen und Nymphenburg eine der wenigen, die von einst mehreren hundert Porzellanmanufakturen in Deutschland übrig geblieben ist) und dem angeschlossenen Porzellanmuseum, das in verschiedenen Sammlungen drei Jahrhunderte Kultur des »weißen Goldes« präsentiert, sondern auch wegen eines der wohl beeindruckendsten Ausblicke über das Wesertal.
Kurz hinter der Einmündung der Nethe von links (siehe Tour 3) erwartet uns die mittelalterliche Stadt Höxter. Schon von weitem ist die doppelte Kirchturmspitze der Kilianskirche zu sehen. Ein paar hundert Meter vor der Brücke zur Altstadt legen wir am rechten Ufer hinter dem Campingplatz am Steg des Wassersportvereins Höxter an.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour24 km
Dauer4.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktAm Campingplatz in Bad Karlshafen.
EndpunktAm Kanuverein oder Campingplatz in Höxter.
TourencharakterDie Weser entsteht durch den Zusammenfluss von Fulda und Werra in Hann. Münden. Nach dem Main ist sie der zweitlängste Fluss, der ausschließlich auf deutschem Staatsgebiet fließt. Geringer Bootsverkehr, das Fehlen von Hindernissen und Industrie entlang der Ufer sowie eine zügige Strömung machen die Weser zu einem idealen Wanderfluss.

Befahrbarkeit - Ganzjährig.
Befahrungsregeln: Keine Einschränkungen.
Hindernisse: Keine.
Hinweise
Kloster Corvey. Unweit vom Endpunkt der beschriebenen Tour überblickt das Kloster Corvey, die älteste Abtei Norddeutschlands, das Wesertal. Vor über 1000 Jahren von Mönchen ge- gründet, wurde sie im Dreißigjährigen Krieg zerstört und im 17. Jahrhundert mit schlossähnlichem Charakter im barocken Stil wieder aufgebaut. Besonders sehenswert sind die barocke Abteikirche, Fresken aus dem 9. Jahrhundert mit antiken Motiven der Odyssee, die barocke Schlossanlage mit dem Kaisersaal, die fürstliche Bibliothek und die Grabstätte des Dichters Hoffmann von Fallersleben. Alljährlich finden von Mai bis Juni in den ehemaligen Prachträumen der Fürstabtei und in der Abteikirche die Corveyer Musikwochen statt, bei der namhafte Solisten, Instrumentalensembles und Orchester ein ausgewähltes Programm bieten, das vom Barock über die Klassik und Romantik bis hin zur Moderne reicht.
VerkehrsanbindungA7 bis Ausfahrt 71 Nörten-Hardenberg, weiter über B446 und B241 nach Uslar, von dort noch etwa 20 km bis Bad Karlshafen; alternativ A44 bis Ausfahrt 65 Warburg und über B251 und B241 nach Beverungen und schließlich auf der B83 nach Bad Karlshafen.
GastronomieDiverse Biergärten und Gasthöfe in Bad Karlshafen, Herstelle, Beverungen, Fürstenberg und Höxter.
Tipps
Märchenhafte Weser. Die Gebrüder Grimm waren im Weserbergland zu Hause und so verwundert es nicht, dass allüberall Legenden, Sagen und Märchen durch die Wälder raunen. Vorlage für das Dornröschenschloss war die Sababurg im Reinhardswald bei Hofgeismar, auf der Trendelburg an der Diemel war Rapunzel zu Hause. Im Mai 1720 erblickte in Bodenwerder Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen das Licht der Welt, um als Lügenbaron Karriere zu machen. Kein Lügner, aber mit einem Tross von Gauklern von Stadt zu Stadt unterwegs, um seine Dienste anzupreisen, war der sagenhafte Wanderarzt Doktor Eisenbarth, an den das Glockenspiel am Rathaus in Hann. Münden erinnert, bei dem der Doktor zu seiner Melodie einen Zahn zieht. Die gesamte Stadt von Mäusen und Ratten zu befreien, versprach der der Sage nach in einen bunten Rock gehüllte Rattenfänger von Hameln, als er 1284 an das Stadttor pochte. Weiter flussabwärts fanden vier alte Tiere, die sich zufällig trafen, als sie dem Tod entrinnen wollten, in Bremen als Stadtmusikanten ihren Alterswohnsitz. Natürlich hat die Touristikbranche die Nähe zu den Märchen für sich entdeckt. Die Deutsche Märchenstraße führt mitten durch das Weserbergland und in vielen Städten entlang der Weser wer- den im Sommer Märchenfreilichtspiele als Theater oder Musical aufgeführt. Einen historischen Rückblick in die Welt der Märchen und Sagen, Erzählstunden und eine umfangreiche Bibliothek bietet das Deutsche Märchen- und Wesersagenmuseum in Bad Oeynhausen.
Verleih
Gerda Schumacher, Tel. 05642/7682, www.kanu-schumacher.de
Informationen
Transfer - Mit dem Bus der Linie 220 von Höxter nach Bad Karlshafen, aktuelle Fahrpläne unter www.nph.de; oder mit der Bahn von Höxter nach Ottbergen, dort Anschluss nach Bad Karlshafen. Wer auch den Rückweg auf dem Wasser unternehmen will, kann im Sommer täglich außer montags mit dem Fahrgastschiff von Höxter nach Bad Karlshafen fahren (www.flotte-weser.de).
Unterkunft
Campingplatz Bad Karlshafen, Tel. 05672/710, www.campingplatz-bad-karlshafen.de; DKV-Kanustation des WS Höxter (auch Übernachtung im Bootshaus möglich), Tel. 05271/2428, www.wassersport-hoexter.de; Campingplatz direkt neben dem Kanuvereinsgelände, Tel. 05271/2589, www.campingplatz-hoexter.de; Gasthaus Zur Fähre in Herstelle, Tel. 05273/7484; Hotels in Bad Karlshafen.
Tourismusbüro
Kur- und Tourist-Information Bad Karlshafen, Hafenplatz 8 (Rathaus), 34385 Bad Karlshafen, Tel. 05672/999922; www.bad-karlshafen.de; Tourist- und Kulturinformation Historisches Rathaus, Weserstr. 11, 37671 Höxter, Tel. 05271/ 19433, www.hoexter.de (bei einer schweren Explosion im September 2005 wurde das Historische Rathaus stark beschädigt; vorübergehend ist die Tourist-Info im Stadthaus am Petritor, Westerbachstraße 45, untergebracht; wann das Historische Rathaus wieder genutzt werden kann, ist zur- zeit unklar); Weserbergland Tourismus e.V., Postfach 100339, 31753 Hameln, Tel. 05151/93000, www.weserbergland-tourismus.de