Oker - Von Schladen nach Braunschweig

Schöne und abwechslungsreiche Wanderfahrt. Im beschriebenen Abschnitt ist die Oker recht naturbelassen und fließt kaum begradigt und mit guter Strömung durch viel Grün. Neben den zahlreichen Windungen und der reizvollen Landschaft würzen einige spritzige Stromschnellen als Mini-Wildwassereinlagen die Tour. Im ersten Abschnitt fordern eventuell einige Baumhindernisse eine gute Fahrtechnik. Die beschriebene Tour ist für sportliche Paddler als Tagestour zu bewältigen. Um die sehenswerten Altstädte von Wolfenbüttel und Braunschweig angemessen zu würdigen, sollte man sich aber besser zwei Tage Zeit nehmen. (Autor: Michael Hennemann)
Bei unserer Anfahrt zur Einsatzstelle an der Straßenbrücke über die Oker in Schladen weist uns ein Schild darauf hin, dass Schladen für seine Besucher eine Attraktion der besonderen Art bereithält. Die Schlangenfarm Schladen (November–Februar täglich 9–16 Uhr, März/Oktober täglich 9–17 Uhr, April–September täglich 9–18 Uhr, www.schlangenfarm.de) bietet auf 3000 km2 die Möglichkeit, über 1000 Schlangen sowie Spinnen, Skorpione und Alligatoren zu beobachten.

Hinter der Straßenbrücke finden wir wenige Meter flussaufwärts am Wanderweg am Okerufer den Steg. Die Autos können wir für die Dauer unserer Tour an der Straße abstellen, und gleich um die Ecke befindet sich der Bahnhof, sodass das Nachholen des Autos am Abend kein Problem bereitet. Gleich nach dem Ablegen am Steg treibt uns die kräftige Strömung durch recht enge Kurven, und man sollte sein Boot sicher beherrschen, denn immer wieder strecken sich Weidenzweige weit in den Fluss und die Strömung versucht uns auf die Baumhindernisse am Prallhang zu drücken.

Hinter der Straßenbrücke bei Börßum lässt uns ein lautes Rauschen aufhorchen. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig, die Spritzdecken zu schließen, und schon werden wir von hohen Wellen ordentlich durchgeschaukelt. Nur ein paar Paddelschläge weiter warnt uns am rechten Ufer das Schild »Vorsicht Sohlabsturz« vor der nächsten Stromschnelle, die nach unserem Empfinden aber weniger stark ist als die erste.
Anschließend verringert sich die Strömungsgeschwindigkeit, und wir erreichen die Mühle in Hedwigsburg. Nach links strömt das Wasser über ein Wehr; hier legen wir zum Umtragen an einer kleinen Metallrampe vor dem Wehr an, um kurz am Wehr vorbei überzuheben (auf keinen Fall geradeaus in den Mühlenkanal einfahren – an der Mühle gibt es keinerlei Umtragemöglichkeit!).

Hinter dem Wehr hat die Oker einen großen runden Teich gebildet, der so idyllisch ist, dass sich dieses Plätzchen zu einer ersten Pause anbietet. Bis Wolfenbüttel nimmt die Strömung wieder etwas zu, und bald paddeln wir, nach einer Eisenbahn- und einer Straßenbrücke, durch den Landschaftspark in Wolfenbüttel. Hier halten wir uns gleich an der ersten Abzweigung rechts (der Flussarm geradeaus führt zunächst durch einen langen Tunnel und dann im westlichen Stadtgebiet von Wolfenbüttel bis zu einer Holzbrücke, deren Schotten meist geschlossen sind und die nur sehr mühsam umtragen werden kann). Knapp 1 km weiter ist das Vereinsgelände der SKSG Wolfenbüttel erreicht und bietet die wohl einzige Möglichkeit zur Übernachtung in Wassernähe, um das historische Zentrum der ehemaligen Residenzstadt Wolfenbüttel zu besuchen.
Wolfenbüttel war von 1308–1753 Wohnsitz der Herzöge von Braunschweig, und die vielen gut erhaltenen hübschen Fachwerkbauten geben uns heute eine Vorstellung davon, wie es im Mittelalter in einer kleinen Fürstenresidenz ausgesehen haben mag. Besonders eindrucksvoll ist der von zahlreichen Bürgerhäusern umgebene Stadtmarkt. Hier erhebt sich das Rathaus von 1600, dessen hölzerne Arkaden tagsüber ein beliebter Fotohintergrund bei den zahlreichen Hochzeitsfotografen sind.

Ein paar Schritte entfernt zeigt »Klein Venedig« die letzten Reste des alten Grachtensystems, das eigentlich »Klein Amsterdam« heißen müsste, denn es waren die Holländer, die im späten 16. Jh. hier Grachten anlegten, um die Oker zu regulieren und als Transportweg zu nutzen.

Westlich vom Stadtmarkt steht das Welfenschloss. Die mächtige, vom Hausmannsturm überragte Vierflügelanlage wurde im 16. Jh. errichtet und im 18. Jh. barock umgestaltet. Das Museum im Schloss Wolfenbüttel (Tel. 05331/92460, geöffnet Di–So 10–17 Uhr) bietet neben den eindrucksvollen Staatsgemächern aus dem Zeitalter des Absolutismus viele Objekte zum bürgerlichen Leben der letzten 300 Jahre.
Kurz hinter dem Bootshaus des Kanuvereins in Wolfenbüttel zwingt uns das Wehr an der Wallstraße zu einer Portage. Wir legen am Steg am linken Ufer an und können unter der Brücke hindurch umtragen. Gepflegte Häuser säumen das Okerufer im Stadtgebiet, und wir erreichen die Kenoshabrücke mit einer Durchfahrtsmöglichkeit im mittleren Joch.

Nun kehren wir Wolfenbüttel den Rücken. Die Oker ist etwas stärker begradigt als auf dem ersten Tourenabschnitt; nur noch mit träger bis mäßiger Strömung schiebt sie uns gen Norden. Zu beiden Seiten begleiten Wanderwege den Fluss, und an den flachen Ufern können wir je nach Lust und Laune für ein Päuschen bequem anlegen.

Das Wehr in Rüningen ist über die Bootsgasse links problemlos zu befahren; danach lassen uns die zahlreichen Masten der Segelboote, die hinter dem linken Ufer aufragen, den künst- lichen Südsee erahnen. Dieser entstand, als man Mitte der 1960er Jahre Material für den Bau der Südtangente aushob. Anfang der 1980er Jahre wurde der See zu einem Landschafts- und Wasserschutzgebiet umgestaltet und ist heute ein beliebtes Naherholungsgebiet mit einem vielfältigen Freizeitangebot und einem Segelsportverein.

Noch einmal schlängelt die Oker sich idyllisch durch eine Parklandschaft, vorbei an der weiß leuchtenden Fassade des Schlosses Richmond am rechten Ufer. Das klassizistische Gebäude mit spätbarocken Elementen wurde Ende des 18. Jh. für die Gemahlin des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand gebaut und erhielt seinen Namen in Erinnerung an die englische Heimat der Herzogin Augusta, nämlich den Richmond Park an der Themse.
Das Eisenbütteler Wehr am südlichen Stadtrand Braunschweigs stellt das letzte Hindernis der Tour dar. Es ist, wie schon das vorangegangene Wehr in Rüningen, mit einer Bootsgasse ausgestattet, die sich dieses Mal allerdings auf der rechten Seite befindet.

Danach paddeln wir durch den Bürgerpark von Braunschweig; an beiden Ufern bieten mehrere Stege unterschiedlicher Braunschweiger Kanuvereine für DKV-Mitglieder die Möglichkeit, die Tour hier zu beenden und das Zelt aufzuschlagen, um den Paddeltag mit einem Stadtrundgang durch die ehemalige Welfenmetropole Braunschweig zu beschließen. Paddler, die ihre Tour ohne Zeltübernachtung beenden wollen, fahren weiter durch den Bürgerpark, wenden sich an der folgenden Flussgabelung nach links und paddeln auf dem westlichen Umflutgraben durch Braunschweig. Am Petriwehr finden sie einen öffentlichen Anleger, um in der Nähe des Braunschweiger Hauptbahnhofs die Tour zu beenden.

Braunschweig ist die zweitgrößte Stadt Niedersachsens und die 1745 gegründete Technische Hochschule (heute Universität) die älteste Deutschlands. Im 12. Jh. war Braunschweig die Residenz Heinrich des Löwens (1129–95) und erhielt so die Stadtrechte. Der Beitritt zur Hanse 1247 ließ die Stadt schnell zu einem bedeutenden Umschlagplatz werden. Heute prägt ein charmantes Nebeneinander aus Alt und Neu das Stadtbild, in dem sich moderne Straßenzüge mit hübschen alten Straßenzügen, Fachwerk- und anderen historischen Gebäuden abwechseln.

Eine Stelle, an der die Vermischung von Tradition und Moderne dagegen gründlich fehlschlug, ist das ehemalige Braunschweiger Schloss, das wie ein Kartenhaus zusammenfällt, wenn man durch das große Tor der prächtigen Fassade tritt. Nach den starken Zerstörungen des ursprünglichen Schlosses im Zweiten Weltkrieg wurde es in den Nachkriegsjahren geschleift. In der jüngeren Vergangenheit schloss die Stadtverwaltung einen Deal mit einem Konzern, der das einstige Gebäude wieder auferstehen ließ – allerdings nur als Hülle, denn im Inneren wurde der historische Ort zu einer zwar riesigen lichtdurchfluteten, aber dennoch gesichtslosen Shopping-Mall degradiert, wie man sie in vielen anderen Städten findet.

Das Wahrzeichen von Braunschweig ist der Löwe, eine Nachbildung des in Erz gegossenen Originals, das Heinrich der Löwe zum Zeichen seiner Macht 1166 auf dem Burgplatz am romanisch-gotischen St.-Blasius-Dom aufstellen ließ. Ein schöner Blick auf den Burgplatz bietet sich vom Turm des neugotischen Rathauses gegenüber (Turmbesteigungen während der Öffnungszeiten nach Anmeldung beim Pförtner möglich). Einige Gehminuten in südwestliche Richtung liegt der Altstadtmarkt, das Herzstück der alten Handels- und Hansestadt. Rund um den Marienbrunnen in der Mitte des aus einem Straßenmarkt hervorgegangenen Platzes gruppiert sich ein beeindruckendes Ensemble historischer Bauwerke, wie z.B. das gotische Altstadtrathaus mit seinen zweistöckigen Lauben und den filigranen Sandsteinfiguren sowie die Martinikirche (12.–14 Jh.).

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour37 km
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktSteg an der Straßenbrücke über die Oker in Schladen.
EndpunktÖffentlicher Anleger am Petriwehr in Braunschweig.
TourencharakterDie Oker entspringt im Harz und fließt der Aller entgegen. Im vorgestellten Abschnitt paddelt man mit flotter Strömung durchs hügelige Braunschweiger Land, vorbei an der ehemaligen Residenzstadt Wolfenbüttel und dem alten Welfensitz Braunschweig.

Befahrbarkeit: Ganzjährig.

Befahrungsregeln: Auf dem vorgestellten Abschnitt der Oker keine Einschränkungen. Hindernisse.
Hedwigsburg: Wehr, ca. 30 m Portage. Wolfenbüttel: Wehr an der Wallstraße, ca. 20 m umtragen. Rünigen: Wehr mit Bootsgasse. Heinrichshafen: Wehr mit Bootsgasse.
Beste Jahreszeit
VerkehrsanbindungA395 bis Ausfahrt 9 (Schladen-Nord); anschließend den Schildern Richtung Zentrum bis zur Brücke über die Oker folgen. Transfer: Stündlich mit der Bahn vom Hbf. Braunschweig nach Schladen (20 Min.).
GastronomieGaststätten und Restaurants in Schladen, Wolfenbüttel und Braunschweig.
Verleih
Braunschweig - Canadier-Touren Olaf Schäfer, Helmholtzstr. 5, Tel. 0531/ 52925, www.boots-touren.de; Unterwegs – die Reise GmbH, Bültenweg 93, Tel. 0531/ 347427, www. unterwegs- reisen.de.
Unterkunft
Keine offiziellen Campingplätze entlang dem vorgestellten Oker-Abschnitt. Für DKV-Mitglieder bestehen Zeltmöglichkeiten bei den Kanuvereinen in Wolfenbüttel und Braunschweig. Wolfenbüttel - Ski- und Kanu-SG am Gymnasium im Schloss Wolfenbüttel, Ansprechpartner Hans Bode, Tel. 05331/73145. Braunschweig: Braunschweiger Kanu-Club, Tel. 0531/73419, www.braunschweiger-kc.de; Kanu-Wanderer Braunschweig, Ansprechpartner Bernd Kosswig, Tel. 05307/3668; Polizeisportverein Braunschweig, Ansprechpartner Matthias Bode, Tel. 0531/681644; Rasensportverein Braunschweig, Ansprechpartner Dieter Asmer, Tel. 05372/6780.
Tourismusbüro
Stadtmarketing Wolfenbüttel, Stadtmarkt 7, 38300 Wolfenbüttel, Tel. 05331/ 86280, www.wolfenbuettel-tourismus.de; Stadtmarketing Braunschweig, Vor der Burg 1, 38100 Braunschweig, Tel. 0531/4702040, www.braunschweig.de.

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