Norder Tief - Von Neßmersiel nach Leybuchtsiel

Diese problemlose, da tidefreie Tour im nordwestlichsten Zipfel Deutschlands präsentiert sich äußerst abwechslungsreich. Auf dem ersten Abschnitt führt die Tour über das nur wenige Meter breite Harketief. Anschließend folgt bis Hage eine Passage mit idyllischem Auenwald, und schließlich wälzt sich das breite Norder Tief mit Schilfufern gen Nordsee. Die gesamte Route ist durchgehend gut beschildert, und schöne Pausenplätze laden zum Rasten ein. (Autor: Michael Hennemann)
Der Wegverlauf.
Der alte Hafen von Neßmersiel war früher ein Umschlagplatz für Raps, der von hier nach Bremen, Hamburg, Holland und Norwegen verschifft wurde. Auch heute noch erstrecken sich im Hinterland weit ausgedehnte Rapsfelder, die im Frühjahr mit ihrer leuchtend gelben Blüte einen herrlichen Farbkontrast zum blauen Himmel bilden. Längst aber hat sich der Tourismus zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor der Region entwickelt. Vom Hafen bringen die Fähren der Baltrum-Linie die Touristen auf die vorgelagerten ostfriesischen Inseln Norderney und Baltrum. Von der Beliebtheit dieser Fährverbindungen künden die großen Parkplätze und Garagen, da die Inseln selbst autofrei sind. Neßmersiel selbst ist ein beschaulicher Küstenbadeort mit einigen gemütlichen Restaurants und Gasthöfen und einem großen Sandstrand.
Wir beginnen unsere Tour an der Paddel- und Pedalstation direkt neben der örtlichen Tankstelle. Das Familienunternehmen Kleen betreibt aber nicht nur Kanustation, Tankstelle und Fahrradladen, sondern verkauft auch Gartengeräte, unterhält eine Schlosserei, und der Seniorchef ist als Hufschmiedemeister auf dem Festland und den Inseln unterwegs. Auf der kleinen Rasenfläche hinter dem Bootsschuppen dürfen wir unser Zelt aufschlagen, und am nächsten Morgen führt uns ein kurzer, schmaler Stichkanal zum Harketief. Dort zweigt nach rechts das Marschtief ab, das in südwestliche Richtung zum alten Hafen in Norden führt. Es ist allerdings schmal und stark zugewachsen, sodass es nur im Frühjahr bei gutem Wasserstand befahrbar sein dürfte.
Wir folgen daher dem knapp 8 m breiten Harketief und passieren den Lattenpegel an der ersten Straßenbrücke. Nun heißt der Wasserlauf laut Karte Kibbelschlot, und am Ufer wiegt und rauscht das meterhohe Schilf in der Seebrise. Direkt vor der nächsten Brücke liegt am linken Ufer ein erster Pausenanleger. Wir paddeln weiter, nun auf dem Norder Tief, unter einigen landwirtschaftlichen Stegen und Straßenbrücken hindurch. Schwarzbunte grasen am Ufer, und Heuballen sind zu hohen Türmen aufgestapelt.
Der Wegweiser unter der nächsten Brücke verrät uns, dass das nach links abzweigende Blandorfer Tief eine Sackgasse ist, und wir wenden uns nach rechts, um weiter dem Norder Tief zu folgen. Direkt danach laden am rechten Ufer zwei gemütliche blaue Bänke unter schattigen Bäumen zu einer Rast am Pausenanleger ein, und wenn wir Glück haben, rattert am gegenüberliegenden Ufer die Museumseisenbahn vorbei, die auf einem 17 km langen Teilstück der ehemaligen Bahnlinie Emden–Norden–Jever–Wilhelmshaven verkehrt.
Nun folgt der wohl schönste Streckenabschnitt der gesamten Tour. Die bewaldeten Ufer ziehen an uns vorbei, und wir erreichen den über 700 Jahre alten Luftkurort Hage, der in einer Zeit gegründet wurde, als Hanse und ostfriesische Fürsten um die Vorherrschaft in Ostfriesland und auf den Seewegen kämpften. Ostfriesland ist schon lange ein freies Land, denn keine fremde Macht konnte sich hier festsetzen. Während anderswo im Mittelalter Grafen regierten, gab es in Ostfriesland nur Häuptlinge, die zwar gemeinsame Interessen verfolgten, sich aber ansonsten aus dem Weg gingen. Man traf sich zu jährlichen Beratungen, aber keiner war dem anderen Untertan.
Direkt hinter dem frei stehenden Glockenturm führt nach links unter einer Fußgängerbrücke hindurch der Stichkanal zur Paddel- und Pedalstation. In Hage sonnen sich Enten auf den Stegen links und rechts, und in den Gärten, die bis ans Wasser reichen, flattern Sonnenschirme. Entlang den Ufern dümpeln Ruderboote und Canadier, und es riecht nach Flieder und Brombeeren.
Das weiterhin von Wald umgebene Norder Tief führt uns zunächst nach Westen, dann nach Südwesten. Hinter der dritten Brücke nach der Paddel- und Pedalstation in Hage weicht der Wald vom Ufer zurück, und der Wasserlauf wird zunehmend breiter. Hinter dem Schilf rotieren am rechten Ufer zahlreiche Windkraftanlagen, und hinter der nächsten Straßenbrücke tauchen die ersten Häuser von Norden auf. Über dem rechten Ufer ragt ein Fabrikschornstein in den Himmel, und nach mehreren Brücken sind wir mitten in der Stadt Norden, mit großen Motorjachten und prächtigen Häusern zu beiden Seiten. Hoch über dem rechten Ufer thront ein großer Backsteinbau mit einer einladenden Restaurantterrasse, und danach folgen das Vereinsgelände des Ruderclubs sowie die Paddel- und Pedalstation Norden und schräg gegenüber das Vereinsgelände des WSV Norden.
Die Stadt Norden liegt auf einer Geestinsel inmitten der Marsch und ist nicht nur die nordwestlichste Stadt Deutschlands, sondern auch die älteste Stadt Ostfrieslands. Zu den sehenswerten Gebäuden im Stadtzentrum am Markt gehört das alte Rathaus aus dem 16. Jh., in dem bis zum Ende des 19. Jh. die Stadtverwaltung untergebracht war und das heute vom Norder Heimatverein als Museum genutzt wird. Das Ostfriesische Teemuseum mit Museum für Volkskunde Norden (Am Markt 36, 26506 Norden, Tel. 04931/12100, www.teemuseum.de, geöffnet März–Oktober, Di–So 10–17 Uhr, Juli/August auch Mo 10–17 Uhr) widmet sich dem Anbau, der Verarbeitung und dem Fernhandel von Tee und zeigt die Herstellung ostfriesischer Teemischungen. An der Westseite des Marktplatzes erhebt sich die etwa 80 m lange Ludgerikirche. Der älteste Teil ist ein romanisches Langhaus, das noch vor 1250 entstand. Im 14. Jh. wurde der Glockenturm errichtet, und vom 14. bis zum 15. Jh. wurde die Kirche um das Querhaus erweitert. Sehenswert sind Hochaltar und Orgel. Der Ortsteil Norddeich ist ca. 5 km vom Zentrum entfernt und ein be- liebtes Seebad. Neben Sandstrand und Wattenmeer zählen Nationalparkzent-rum und Seehund-Aufzuchtstation zu den Attraktionen. Vom Seehafen Norddeich bestehen Fährverbindung nach Juist und Norderney.
Obwohl das Norder Tief nun um die 40 m breit ist und in Norden zahlreiche Motorboote an den Stegen vertäut sind, bleibt es ruhig. Nur vereinzelt tuckert ein Motorboot an uns vorbei, und ein paar Paddler, die in Leybuchtsiel gestartet sind, kommen uns winkend entgegen. Über das Schilf am Ufer lugen große runde Heuballen und Windräder. Nach links zweigt das Addingaster Tief ab, wo es nach etwa 200 m einen letzten Pausenanleger gibt, bevor wir die verbleibenden Kilometer bis zum Tourenendpunkt Leybuchtsiel in Angriff nehmen. Schon bald ist voraus die weiße Schleuse zu erkennen; ein paar hundert Meter davor liegt am rechten Ufer der Anleger der Paddel- und Pedalstation Leybuchtsiel.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour23 km
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktPaddel- und Pedalstation in Neßmersiel.
EndpunktPaddel- und Pedalstation in Leybuchtsiel.
TourencharakterStille und Weite machen den Reiz der Marschlandschaft aus. Am Start- und Endpunkt der Tour fasziniert der Blick über den Deich auf die südliche Nordsee und das Wattenmeer.
Befahrbarkeit.
Ganzjährig.
Befahrungsregeln.
Keine Einschränkungen.
Beste Jahreszeit
VerkehrsanbindungA28 bis Ausfahrt 3 (Filsum); weiter auf der B72 bis Aurich, von dort den Wegweisern nach Dornumersiel folgen und weiter bis Neßmersiel. Transfer: Problemlos mit dem Rad: Von Leybuchtsiel auf dem Radweg bis Norden, dort der Beschilderung nach Norddeich folgen und von dort immer hinter dem Deich weiter bis Neßmersiel (ca. 32 km, ca. 3 Std.).
GastronomieSnacks und Getränke an den Paddel- und Pedalstationen (Öffnungszeiten April–Oktober, täglich 10–18 Uhr).
Tipps
Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Seit 1986 ist das Wattenmeer vor der niedersächsischen Nordseeküste zwischen Ems und Elbe einschließlich der vorgelagerten Inseln als Nationalpark geschützt. Die Nordseeküste ist sehr flach, und der Wechsel von Ebbe und Flut bestimmt den einmaligen Lebensraum. Zweimal täglich bringt die Flut nährstoffreichen Sand, Ton und Schluff in das Gebiet des Wattenmeers, und bis zu 4000 Tier- und Pflanzenarten haben sich auf die- sen ungewöhnlichen Lebensraum spezialisiert. Ausstellungen und Führungen bieten die Nationalpark-Häuser entlang der gesamten Küste und auf den Inseln, beispielsweise in Greetsiel, Norddeich und Dornumersiel. Zudem gibt es ein umfangreiches Netz an Wander-, Rad- und Reitwegen sowie mehrere Lehr- und Erlebnispfade.
Verleih
Neßmersiel - Paddel- und Pedalstation, Störte- bekerstr. 24, Tel. 04933/2028). Hage: Paddel- und Pedalstation, Am Bootshafen, Tel. 04931/ 9324893. Norden: Paddel- und Pedalstation, Am Norder Tief 3, Tel. 04931/9304915. Leybuchtsiel: Paddel- und Pedalstation, Lorenzweg 34 (an der Schleuse), Tel. 04931/ 9715871.
Informationen
Durchs Watt nach Norderney oder Baltrum. Neßmersiel ist ein beliebter Ausgangspunkt für Wattwanderungen an der ost- friesischen Nordseeküste, und es gibt ein breites Angebotsspektrum für ver- schiedene geführte Ausflüge ins Wattenmeer. Bei einer Wattwanderung vor der Küste oder zu den Nordseeinseln Norderney bzw. Baltrum bringen fachkundige Wattführer die Vielfalt des Wattenmeers näher. Karten für eine Wattwanderung gibt es in den Infobüros in Dornumersiel und Neßmersiel; weitere Infos unter www.wattwanderung-eilers.de, www.wattwanderung-kunth.de und www.wattfuehrer.com.
Unterkunft
Neßmersiel - begrenzte Zeltmöglichkeit (2–3 Zelte) an der Paddel- und Pedalstation, Heuhotel Willrathshof (ca. 2 km von der Paddel- und Pedalstation). Hage: Übernachtung in Trekkinghütte, Indianertipi oder eigenem Zelt an der Paddel- und Pedalstation. Norden: Zeltmöglichkeit am Bootshaus des WSV Norden, Anmeldung unter Tel. 04931/3955 (nur DKV-Mitglieder). Leybuchtsiel: Übernachtung in Indianertipi oder eigenem Zelt an der Paddel- und Pedalstation.
Tourismusbüro
Touristik GmbH Süd- liches Ostfriesland, Friesenstr. 34/36, 26789 Leer, Tel. 0491/ 91969630, www.paddel-und-pedal.de; Ostfriesland Touris- mus GmbH, Ledastr. 10, 26789 Leer, Tel. 0491/91969660, www.ostfriesland.de.