Fehntjer Tief - Von Emden ans Timmeler Meer

Problemloser, nahezu strömungsloser Marschfluss in der flachen Landschaft Ostfrieslands mit ehemaligen Mooren und saftigen Marschwiesen mit jeder Menge Kühen entlang den Ufern. Trotz des vielfältigen Wegenetzes aus unzähligen Kanälen ist die Orientierung einfach, denn an allen relevanten Kreuzungen und Abzweigungen sind Wegweiser aufgestellt. (Autor: Michael Hennemann)
Der Wegverlauf.
Das Fehntjer Tief ist ein breiter Marschfluss ohne nennenswerte Strömung und kann daher prinzipiell sowohl von West nach Ost als auch in entgegengesetzter Richtung gepaddelt werden. Ausschlaggebend für die Wahl des geeigneten Startpunkts ist hier in unmittelbarer Küstennähe der oft recht kräftig wehende Wind. Da dieser überwiegend aus westlichen Richtungen bläst, startet die Tourenbeschreibung in Emden, sodass uns der Rückenwind auf der Fahrt gen Osten zum Timmeler Meer unterstützen kann. An einem windstillen Tag oder bei Ostwind ist es dagegen durchaus sinnvoll, die Strecke in entgegengesetzte Richtung zu paddeln, und zwar nicht nur, um den Wind im Rücken zu haben, sondern auch, um den Paddeltag in der Seehafenstadt Emden zu beenden und ausreichend Zeit für deren kulturelles und gastronomisches Angebot zu haben.
Die größte Stadt Ostfrieslands ist das wirtschaftliche Zentrum der Region. Sie wurde zwar im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und ist weniger auf Tourismus eingestellt als die umgebende Region, bietet aber einige sehenswerte Ecken; in jedem Fall, ob nun vor oder nach der Paddeltour, lohnt sich ein Stadtrundgang. Das Stadtzentrum bildet der Ratsdelft, der älteste Hafen der Stadt. An seinem Nordufer erhebt sich das neu aufgebaute Alte Rathaus. Das Wahrzeichen der Stadt beherbergt das Ostfriesische Landesmuseum (Neutorstr. 7–9, Tel. 04921/872058, www.landesmuseum-emden.de, geöffnet Di–So 10–18 Uhr), das die ostfriesische Kulturgeschichte und eine Rüstkammer mit Waffen aus dem 16. und 17. Jh. präsentiert. Vor dem Rathaus sind drei Museumsschiffe an der Mole vertäut, und zwar der Seenotrettungskreuzer »Georg Breusing«, das Feuerschiff »Deutsche Bucht« als unübersehbarer, leuchtend roter Farbtupfer und der Heringslogger AE 7 Stadt Emden. Ein Museum der ganz anderen Art findet sich gegenüber an der Ecke Große Straße/ Am Delft. »Dat Otto Huus« (Große Str. 1, Tel. 04921/22121, www.ottifant.de, unterschiedliche Öffnungszeiten im Jahresverlauf) widmet sich dem aus Emden stammenden Komiker Otto Waalkes. Während das Erdgeschoss ganz dem Ottifanten-Merchandising gewidmet ist, werden in der oberen Etage Leben und Karriere des ostfriesischen Blödelbarden nachgezeichnet.
Seine zweifellos größte kulturelle Attraktion verdankt Emden ebenfalls einem berühmten Sohn der Stadt. Die Kunsthalle Emden (Hinter dem Rahmen 13, Tel. 04921/975050, www.kunsthalle-emden.de, geöffnet Di 10–20 Uhr, Mi–Fr 10–17 Uhr, Sa/So/Feiertage 11–17 Uhr), ein Backsteinbau mit blauen Fenstern, wurde von »Stern«-Verleger Henri Nannen gestiftet und seit dem Jahr 2000 um eine Schenkung des Münchner Galeristen Otto van de Loo erweitert. Präsentiert wird eine umfassende Sammlung an Werken deutscher Expressionisten sowie zeitgenössische Malerei und Plastik.
Nach dem Stadtrundgang lassen wir unsere Kanus am Steg der Paddel- und Pedalstation auf dem Gelände des Segelvereins unterhalb der Johanna-Mühle zu Wasser. In der Saison ist die Station von 9–18 Uhr besetzt; außerhalb der Öffnungszeiten darf man den Steg nach Absprache mit den Seglern aber ebenfalls benutzen. Emden erhielt dank seiner malerischen Grachten und einem etwa 150 km langen Kanalnetz den Beinamen »Venedig des Nordens«, und wer Emden nicht nur bei einem Stadtrundgang erkunden, sondern auch vom Wasser aus erleben will, wendet sich direkt vom Steg nach links und unternimmt eine Rundfahrt über den Stadtgraben (ca. 3 km).
Für die Tour Richtung Timmel wenden wir uns vom Steg der Paddel- und Pedalstation nach rechts, und vorbei an weiteren Wassersportvereinen erreichen wir nach wenigen Paddelschlägen die Kesselschleuse. Als einzige in Europa aktive Vierkammerschleuse verbindet und überwindet sie die unterschiedlichen Wasserhöhen von vier Wasserwegen an der Kreuzung des Ems-Jade-Kanals mit dem Wolthuser Tief und dem Stadtgraben. Diese in ihrer Form einmalige Schleuse wurde zwischen 1882 und 1888 erbaut und 1887 zusammen mit dem Ems-Jade-Kanal für den Verkehr freigegeben. Mittelpunkt ist der mächtige Schleusenkessel mit einem Durchmesser von 33 m, der über lange Jahre eine wichtige Bedeutung für die Schifffahrt auf dem Ems-Jade-Kanal hatte. Von 1911–13 wurde die Kesselschleuse umgebaut und erweitert und zwischen 1967 und 1972 elektrifiziert. Heute tendiert die wirtschaftliche Bedeutung des Ems-Jade-Kanals gegen null, und er wird praktisch nur noch von Freizeitkapitänen befahren. Wenn wir Glück haben und der Schleusenmeister gut gelaunt ist, werden auch Kanus mitgeschleust, ansonsten können wir links vor der Schleuse am Steg anlegen und die Schleuse kurz mit dem Bootswagen umtragen (ca. 200 m).
An der Schleuse geht es direkt gegenüber weiter auf das Fehntjer Tief. Auf den ersten Kilometern sind noch etwas Pfadfinder- fähigkeiten gefragt, denn viele der Wegweiser sind beschädigt oder so stark verblichen, dass wir sie nicht oder nur mit Mühe entziffern können. Zunächst paddeln wir gemächlich durch das südliche Emder Stadgebiet, vorbei an prächtigen Gärten und Villen, und passieren einige Brücken. Hinter der großen Straßenbrücke der B210 folgt die nächste Kreuzung mehrerer Wasserwege. Wir lassen die Verbindungsschleuse links liegen und steuern geradeaus weiter auf dem Fehntjer Tief, das zunächst noch ein recht breiter Kanal ist, der schnurgeradeaus führt.
Nachdem sich eine kleine Brücke bogenförmig über den Fluss gespannt hat, zweigt nach ca. 2 km links das Neue Tief ab, das nach gut 1 km zum Uphuser Meer führt. Wir bleiben dem Fehntjer Tief treu und unterfahren eine Straßenbrücke und wenig später eine Klappbrücke, hinter der nach links die Stinkende Riede zum Bansmeer (Naturschutzgebiet) abzweigt. Das Fehntjer Tief beschreibt einen scharfen Knick nach Süden; hinter der folgenden großen Straßenbrücke heißt es aufgepasst - Direkt geradeaus führt das Petkumer Sieltief nach Petkum, wir aber biegen nach links ab. Hinter der nächsten flachen Klappbrücke lädt am rechten Ufer der Gasthof »Petkumer Klappe« zu einer ersten Rast ein.
Nun erscheint das Fehntjer Tief nicht mehr ganz so stark wie mit dem Lineal gezogen und versucht sich in ersten leichten Kurven. An den flachen Ufern ziehen hier und da Traktoren ihre Runden über die Felder und Wiesen, und zahlreiche Küstenvögel erinnern uns an das nahe Meer. Auffälligster Vertreter ist der Austernfischer, der nicht nur durch seinen leuchtend roten Schnabel, sondern auch durch seinen charakteristischen, durchdringenden Ruf auffällt.
Die nächste Kreuzung lässt nicht lange auf sich warten. Nach rechts führt die Lange Maar Richtung Oldersum, nach links zweigt das Waskemeerschlot ab, wo wir bei Bedarf nach einigen Metern vor der nächsten Brücke einen Pausenanleger finden. Für die Fortsetzung der Tour folgen wir dem Fehntjer Tief weiter in östliche Richtung, begleitet von einigen Hochspannungsleitungen am Ufer. An der Flussgabelung hinter der nächsten Straßenbrücke halten wir uns links (nach rechts zweigt das Oldersumer Tief ab), und bald taucht zur Linken das erste größere Gehöft auf; von den flachen Ufern schauen die Kühe neugierig dem Treiben auf dem Wasser hinterher. Im nächsten großen Mäanderbogen können wir am rechten Ufer am Pausen- anleger Ipperwarf anlegen, um uns für den letzten Etappenabschnitt zu stärken. Nachdem wir zur Linken den Abzweig des Sengeltiefs passiert haben, erhebt sich vor uns die Autobahnbrücke der A31. Direkt davor geht nach rechts die Heuwieke ab, die eine Verbindung zum Rorichumer Tief bildet. Hinter der Autobahnbrücke erwartet uns der schönste Teil der Tour. Zunächst erheben sich an den Ufern zwar noch einige dunkle Masten der Hochspannungsleitung, doch an der nächsten Gabelung beginnt ein ausgedehntes Naturschutzgebiet. Nach links führt das Krumme Tief zum Ihlower Forst, der sich in den vergangenen Jahren sehr naturnah hat entwickeln können. Inmitten von Buchen, Eichen und anderen Laubbäumen liegen ein ehemaliges Zisterzienserkloster und ein Jagdschloss.
Wir halten uns rechts und folgen dem Fehntjer Tief, das nun eine Niedermoorlandschaft im Übergang von der Geest zur Marsch bildet, die die Lebensgrundlage vieler, z.T. vom Aussterben bedrohter Pflanzen- und Tierarten ist. Die Niederung ist eine der Rinnen, über die das Schmelzwasser der abtauenden Gletscher der vorletzten Eiszeit vor ca. 100000 Jahren zur Nordsee abfließen konnte. Die zurückgebliebenen Gerölle und Sande bildeten die Ostfriesisch-Oldenburgische Geest, die ursprünglich ein ausgeprägt hügeliges Profil, wie beispielsweise die heutige »Holsteinische Schweiz«, aufwies. Erst im Lauf der Zeit glätteten Wind und Wetter das Land durch Erosion. Infolge des Meeresspiegelanstiegs nach der letzten Eiszeit wurde der Abfluss aus der Niederung stark behindert, und das aus der Geest ständig nachfließende Wasser sorgte für eine großräumige Versumpfung mit allmählicher Niedermoorbildung.
Das holländische Wort »Fehn« bedeutete in seiner ursprünglichen Form auch nichts anderes als Sumpf oder Morast und wurde von den Friesen übernommen. Als man mit der Abtorfung und Urbarmachung der unwirtlichen Landschaft begann, verstand man unter Fehn die Abtorfung in organisierter Form nach holländischem Vorbild. Dabei durfte der Fehntjer den ab- gegrabenen Torf selbstständig und nach eigenen Vorstellungen verkaufen. So entwickelte sich ein reger und freier Handel, bei dem der Torf auch in großen Mengen über weite Strecken transportiert wurde. Aus dieser Notwendigkeit heraus entwickelten sich Fehnschiffbau und Fehnschifffahrt. Heute ist die Landschaft geprägt durch ein weit verzweigtes Kanalnetz, an dessen Ufern sich die Häuser links und rechts zu Reihendörfern gruppieren. Abseits der Orte breiten sich weite Wiesen- und Geestlandschaften mit ihren charakteristischen Wallhecken aus.
Das Fehntjer Tief ist also keine Naturlandschaft, die sich selbst überlassen bleibt, sondern eine traditionelle Kulturlandschaft. Um die Artenvielfalt des Gebiets zu erhalten, wurden daher in der Fehntjer-Tief-Niederung bisher sechs Naturschutzgebiete in einer Größenordnung von insgesamt 1324 ha ausgewiesen, in denen die Niedermoorlandschaft durch das Zusammenspiel einer schonenden Grünlandnutzung und dem Erhalt des natürlichen, oberflächennahen Grundwasserstands geschützt wird. In diesem Abschnitt windet sich das Fehntjer Tief in zahlreichen Kurven vorbei an Kühen, Windrädern und versprengten Bauernhöfen. Wir erreichen eine kleine Insel, hinter der sich zwei Alternativen zur Beendigung der Tour bieten. Nach links führt der Weg zur Paddel- und Pedalstation und dem Feenlandmuseum in Westgroßefehn. Das dortige Fehnmuseum Eiland (Leerer Landstr. 58–59a, 26629 Großefehn, Tel. 04945/1333, www.fehntouristik- eiland.de) verdeutlicht Geschichte und Entwicklung Großefehns vom Hochmoor zum Kulturland. Das Museum bietet neben einer urgemütlichen, original eingerichteten Teestube eine historische Schmiede sowie ein Sägewerk mit restaurierter Gattersäge.
Nach rechts führt das Fehntjer Tief nach Südosten in Richtung Timmel. Hier folgen wir dem Hauptwasserlauf und ignorieren die diversen Seitenkanäle, deren Einfahrt durch mehr oder weniger vermoderte Holzpfähle versperrt wird, sowie den Abzweig des Rorichumer Tiefs. Direkt hinter der Straßenbrücke ist der Bootshafen am Campingplatz in Timmel erreicht. Wir steuern die Kanus nach links und paddeln vorbei an diversen Motorjachten, die sich bunt in der glatten Wasseroberfläche spiegeln, bis zur Bootsrampe am Hafenende, wo wir die Boote bequem aus dem Wasser ziehen können.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour25 km
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktPaddel- und Pedal- station in Emden.
EndpunktBootshafen am Campingplatz in Timmel oder Paddel- und Pedalstation Westgroßefehn.
TourencharakterAbwarten und Tee trinken? Nein, im südlichen Ostfriesland heißt es - Ab ins Boot und losgepaddelt! Ein weit verzweigtes Netz von Kanälen und Flüssen führt uns durch eine weite, flache Landschaft. Langweilig wird es dabei aber nie, denn malerische Klappbrücken, Windmühlen sowie Windkraftanlagen, deren Flügel sich munter im frischen Seewind drehen, säumen die Ufer, und das Auge entdeckt stets etwas Neues.
Befahrbarkeit.
Ganzjährig in beide Richtungen.
Befahrungsregeln.
Keine Einschränkungen; der Abschnitt zwischen Krummem Tief und Ayenwolder Tief ist Naturschutzgebiet – hier besteht ein Anlande- und Nachtfahrtverbot.
Hindernisse.
Kesselschleuse Emden; je nach Bootsverkehr und Stimmungslage des Schleusenwärters werden Kanus eventuell mitgeschleust, ansonsten kann die Schleuse problemlos kurz am linken Ufer umtragen werden (ca. 200 m).
Beste Jahreszeit
VerkehrsanbindungA31 nach Emden, Ausfahrt 4 (Emden-Wolthusen), rechts auf die Uphuser Straße und weiter Richtung Wolthusen, hinter der Brücke über den Stadtgraben rechts zur Paddel- und Pedalstation Emden auf dem Vereinsgelände des Emdener Segelclubs. Transfer: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht möglich, aber sehr gute Bedingungen, um das Auto mit dem Rad nachzuholen: Von Westgroßefehn führen die Schilder der »Friesischen Mühlentour« über Ihlowerfehn und Riepe auf einer ruhigen und landschaftlich schönen Strecke bis nach Emden (ca. 35 km).
GastronomiePetkum - Gasthof »Petkumer Klappe«. Timmel: Restaurant und Imbiss am Campingplatz.
Verleih
Emden - Paddel- und Pedalstation an der Johanna-Mühle, Marienwehrster Zwinger 13, 26723 Emden, Tel. 04921/586608. Westgroßefehn: Paddel- und Pedalstation, Leerer Landstr. 58–59a, Tel. 04943/406770, Mobil 0172/ 1986637. Timmel: Kanu- verleih am Campingplatz, Ulrike und Wolfgang Kremulat, Neulandsweg 4, 26632 Ihlow-Ostersander, Tel. 04943/ 924698, www.kanutours- ostfriesland.de.
Informationen
Ostfriesland mit Paddel und Pedal entdecken. In diesem Buch kann nur ein kleiner Teil der vielfältigen Wasserwege durch Ostfriesland ausführlich beschrieben werden. Wer mehr entdecken will, findet in der gesamten Region ideale Bedingungen für individuelle Entdeckungstouren. Insgesamt 20 Stationen vermieten Boote und Fahrräder und bieten so die Möglichkeit, abwechslungsreiche Kombinationen aus Rad- und Kanuurlaub zusammenzustellen. Trotz einheitlichem Logo und Erscheinungsbild ist der Service an den einzelnen Stationen aber sehr unterschiedlich und stark vom persönlichen Engagement des jeweiligen Betreibers abhängig. So kann man an einigen Stationen in einfachen Trekkinghütten oder nach Anmeldung (!) im Indianertipi übernachten oder z.T. auch das eigene Zelt aufschlagen. Andere Stationen sind dagegen nur auf Tagestouristen eingestellt. Man sollte sich daher unbedingt vorab telefonisch bei der entsprechenden Station erkundigen. Weitere Infos unter www.paddel-und-pedal.de.
Unterkunft
Emden - Übernachtungsmöglichkeiten im ehemaligen Müllerhaus an der Paddel- und Pedalstation Emden; Jugendherberge, Kesselschleuse 5, Tel. 04921/23797 (direkt an der Kesselschleuse). Timmel: Campingplatz Timmeler Meer, Tel. 04945/91970, www.campingplatz-timmel.de (komfortabel und sehr paddlerfreundlich).
Tourismusbüro
Touristik GmbH Südliches Ostfriesland, Friesenstr. 34/36, 26789 Leer, Tel. 0491/ 91969630, www.paddel-und-pedal.de. Ostfriesland Tourismus GmbH, Ledastr. 10, 26789 Leer, Tel. 0491/91969660, www.ostfriesland.de. Tourist- Information Emden, Alter Markt 2a, 26703 Emden, Tel. 04921/ 97400.