Emmer - Von Schieder nach Emmern

Unbeschwerliche Wandertour durch ein reizvolles Seitental der Weser. Sportliche Kanuten bewältigen die gesamte Strecke als ausgedehnte Tagestour; aufgrund der zahlreichen Sehenswürdigkeiten und der hübschen Städte entlang der Route kann man sich aber auch zwei Tage Zeit dafür nehmen. (Autor: Michael Hennemann)
Der Wegverlauf.
Trotz der frühen Stunde – die Sonne kämpft noch mit den Nebelschwaden über dem Emmerstausee – schaut uns schon ein Aufpasser über die Schulter und versucht, uns die für die Befahrung des Sees zu entrichtende Gebühr abzuknöpfen. Doch wir haben uns vorab informiert und können ihm versichern, dass wir den See nur überqueren wollen, um dann auf der Emmer weiterzupaddeln, und er muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Bei Planung des Emmerstausees stand neben dem Hochwasserschutz auch die Schaffung eines Erholungsgebiets auf der Agenda. Seit der Fertigstellung des Staudamms 1982 ist der See mit einer Oberfläche von 90 ha ein beliebtes Wassersportzentrum.
Schnell haben wir die 4 km bis zum gegenüberliegenden Seeufer zurückgelegt und sind am Staudamm angekommen. Am linken Ufer schaukeln die Masten der dort vor Anker liegenden Segelboote vor dem Steg. Am Schiffsanleger dahinter legen wir an und bauen die Bootswagen zusammen. Direkt hinter dem Restaurant »Moses Hütte« führt ein schmaler Weg nach links unter der Straße hindurch und ver- läuft anschließend parallel zur Straße vorbei an einem großen Parkplatz. Nachdem wir eine kleine Seitenstraße überquert haben, setzen wir unterhalb der Staumauer am Pegel wieder ein.
Die Emmer gibt sich gleich auf den ersten Kilometern sehr idyllisch; von der nahen Straße und der Eisenbahn bekommen wir nur wenig mit. Stattdessen guckt uns aus dem Unterholz ein verdattertes Reh an, und mehrere Graureiher fliegen krächzend vor uns auf. Auch die zahlreichen Entenmütter mit ihren Küken lassen sich nicht gern von uns stören. Kreuzen wir ihren Weg und kommen dabei den Jungen zu nahe, so startet die Mutter das Ablenkmanöver »lahmer Flügel« und flattert über weite Strecken wie ein verwundetes Tier vor uns her, um uns von ihren Kindern abzulenken.
Aber nicht nur die Tierwelt ist spannend, auch der Verlauf der Emmer selbst hält uns in Atem, und die zahlreichen Schwälle und kleinen Stromschnellen bringen uns fast zu schnell zur Eisenbahn- und Straßenbrücke in Lügde.
Überwacht vom Turm der Kilianskirche am rechten Ufer, liegt vor der Straßenbrücke in der Ortsmitte ein etwa 1 m hohes Wehr. Trotz der geringen Höhe sollten nur erfahrene Kanuten bei gutem Wasserstand eine Befahrung wagen. Bei Hochwasser bildet sich hinter dem Wehr eine starke, gefährliche Walze, sodass das Umtragen am rechten Ufer immer die sicherere Alternative ist. Der große Parkplatz nebenan macht Lügde auch zum Startplatz einer Tagestour für diejenigen, denen die gesamte hier beschriebene Strecke zu lang ist. Es lohnt sich, die Kanutour für einen kurzen Stadtrundgang zu unterbrechen. Das Ortsbild ist geprägt von Ackerbürgerhäusern, und viele sorgfältig und liebevoll restaurierte Fachwerkbauten gruppieren sich um den in seiner ursprünglichen Form erhaltenen Grundriss. Wallanlage, Wehrtürme und Stadtmauer künden vom Bürgerstolz vergangener Tage.
Mit vielen weiteren kleinen Schwällen transportiert uns die Emmer zur Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Von der Grenze bekommt man im Boot natürlich nichts mit, aber die Karte verrät uns, dass die nächste Brücke schon zu Niedersachsen gehört und der Fluss jetzt durch das Naturschutzgebiet Emmerthal fließt.
In einer der nächsten Kurven lugt am linken Ufer der Sprungturm des nahen Freibads in Bad Pyrmont über das Ufer. Hier ist die Emmer der Innenstadt am nächsten, doch wir verschieben den Stadtrundgang auf später, wenn wir das Auto nachholen werden.
Mittelpunkt der Stadt ist der Brunnenplatz mit Wandelhalle und Hylligen Born, der Hauptquelle des Kurorts. Seit dem 14. Jh. nutzt das ehemalige Fürstenbad seine Heilquellen und ist auch im 21. Jh., nicht zuletzt dank der allgemeinen Wellness-Begeisterung, ein erfolgreiches und gern besuchtes Erholungsziel. Südlich an das Zentrum schließt sich der Kurpark an, der zu den ältesten Kurparkanlagen der Welt gehört. Mit seinen historischen Alleen und der seltenen Kombination aus englischer und barocker Gartenbaukunst lockt er zu ausgedehnten Spaziergängen. Der Palmengarten verbreitet mit über 300 angepflanzten Palmen ein mediterranes Flair.
Ab der nächsten Holzbrücke nimmt die Strömung deutlich ab, und die Emmer bildet breite Mäanderbögen aus – ein sicheres Anzeichen für das Wehr in Bad Pyrmont, das wir bald erreichen. An der Straßenbrücke taucht die Emmer noch einmal kurz in einen dichten Baumtunnel; dann legen wir links vor dem Wehr an und umtragen kurz über die Wiese.
Dem Gasthof am rechten Ufer des Obergrabens zeigen wir die kalte Schulter, müssen aber nach dem Wehr nicht lange paddeln, bis die nächsten Hindernisse bezwungen werden wollen. Zunächst schrammen unsere Boote unter der Brücke direkt hinter dem Wehr über eine Steinstufe, die bei höherem Wasserstand aber kein Problem darstellen dürfte.
Auch das nächste Wehr lässt nicht lange auf sich warten. Nachdem wir im kurzen Abstand vier weitere Brücken (einen blauen Metallsteg, eine Naturstein-, eine Straßen- und eine Eisenbahnbrücke) passiert haben, legen wir am linken Ufer vor dem Wehr an der Thalmühle an. Da die Ufer hier scheinbar gern von wenig auf den Müll achtenden Picknickern aufgesucht werden und das Gelände einen verwahrlosten Eindruck macht, beeilen wir uns, die Boote ein paar Meter hinter dem Wehr wieder zu Wasser zu lassen.
Eine Hinweistafel an der Brücke in Thal signalisiert die erste offizielle Anlegestelle im Naturschutzgebiet. Am Wehr in Welsede fahren wir in den Obergraben und legen direkt hinter der Wehrkrone an, um kurz über die Wiese umzutragen. Direkt nach dem Einstieg geht es am Bahnhof und am Gasthof Welseder Hof am linken Ufer vorbei.
Bei Amelgatzen fahren wir nicht geradeaus im Graben weiter, sondern rutschen schräg nach rechts über die Sohlgleite und kommen an der Straßenbrücke zu einer weiteren Anlegestelle. Nach wenigen Paddelschlägen kündigt sich der nächste Zwischenstopp an. Zwischen den Bäumen am Ufer ist Schloss Hämelschenburg zu erkennen. Vorher aber ist noch einmal etwas Bewegung gefragt, denn am flachen Fußgängersteg hinter der Eisenbahnbrücke müssen wir uns ganz klein im Boot machen und weit zurücklehnen, um uns darunter durchzuzwängen. Am Fuß des Schlosses liegt die Mühle, wo wir umtragen müssen. Wir fahren davor in den Graben ein und setzen am linken Ufer aus. Der Umtrageweg ist ausgeschildert und etwa 150 m lang. Das Einsetzen des Boots gestaltet sich nicht ganz einfach, da die Uferböschung recht steil und steinig ist.
Um uns von den Strapazen der Portage zu erholen, schlendern wir durch die Ausstellungsräume der verschiedenen, in den Gebäuden der Mühle untergebrachten Kunsthandwerker und schließen uns nach einer kurzen Pause im Schlosscafé einer der Führungen durch die historischen Räume von Schloss Hämelschenburg (Stiftung Rittergut Hämelschenburg, Schloßstr. 1, 31860 Emmerthal, Tel. 05155/951690, www.schloss-haemelschenburg.de, Führungen April und Oktober täglich außer Mo um 11, 12, 14, 15 und 16 Uhr, Mai–September täglich außer Mo um 10, 11, 12, 14, 15, 16 und 17 Uhr) an. Als das Mittelalter zu Ende ging und man von Italien aus in Architektur, Kunst und Literatur die Ideale und Werte der Antike wiederentdeckte, florierte die Wirtschaft entlang der Weser, und der Getreidehandel mit Ländern, in denen Krieg und Dürre die Nahrungsmittel knapp werden ließen, erwirtschaftete gute Gewinne. Es entstanden nicht nur prächtige Kirchen, denn die Bauherren ließen sich von Architekten aus ganz Europa kunstvolle Schlösser, Rathäuser und Kaufhäuser errichten. Das Schloss Hämelschenburg, oft als »Perle der Weserrenaissance« bezeichnet, ist ein besonders imposantes Bauwerk. Es wurde um 1600 gebaut, und die Hauptfront des Südflügels misst über 60 m, wird durch diverse Fensterflächen und Giebel gegliedert und ist mit vielfältigen Ornamenten und Figuren verziert.
Zurück auf dem Wasser beginnt der Endspurt - Es gilt, nur noch ca. 5 km bis zum Tourenendpunkt Emmerthal zu bewältigen. Die weißen Kühltürme des AKW Grohnde weisen uns die Richtung. Hinter der Umgehungsstraße der B83 versperrt das letzte Wehr den Weg, und wir müssen am linken Ufer umtragen. Danach teilt sich der Wasserlauf der Emmer T-förmig auf. Rechts liegt ein Gebäude und ein Wehr, und auch voraus rauscht das Wasser der Emmer über ein Wehr. Wir halten uns links und erreichen die Rischmühle, an der wir links an der Treppe unsere ausgedehnte Tagestour beenden.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour33 km
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktAm Schiffsanleger in Bahnhofsnähe in Schieder.
EndpunktWehr an der Rischmühle in Kirchohsen/Emmern.
TourencharakterMit zügiger Strömung fließt die Emmer zunächst auf nordrhein-westfälischem, später auf niedersächsischem Territorium durch eine idyllische Wald- und Wiesenlandschaft und punktet vor allem mit den kulturellen Highlights Lügde, Bad Pyrmont und der Hämelschenburg.
Befahrbarkeit.
Die Emmer darf nur bei ökologisch unbedenklichem Wasserstand (s. u.) befahren werden.
Befahrungsregeln.
Die Befahrung des Emmerstausees ist gebührenpflichtig, die einfache Durchquerung des Sees aber kostenlos erlaubt. Vom Stausee bis Lügde ist das Anlanden verboten; ab der Landesgrenze Niedersachsen bis zur Mündung in die Weser fließt die Emmer durch das Naturschutzgebiet Emmerthal. Hier ist der Ein- und Ausstieg nur an den gekennzeichneten Stellen erlaubt, und der Pegel unterhalb des Emmerstausees (Pegel 22 Schieder-Unterwasser des Pegeldienstes des Kanuverbands NRW, Tel. 0203/7381651) muss mindestens 80 cm betragen.
Hindernisse.
Auf der beschriebenen Strecke insgesamt sieben Wehre. Dabei stehen zwei längere Portagen von max. 300 m an (am Emmerstaudamm und an der Mühle in Hämelschenburg). Die übrigen Wehre sind für geübte Paddler z.T. fahrbar oder können kurz am Ufer umtragen werden.
Beste Jahreszeit
VerkehrsanbindungA33 bis Ausfahrt 26 (Paderborn-Elsen), weiter auf der B1 Richtung Hameln und dort abbiegen in Richtung Schieder-Schwalenberg. Im Ort der Ausschilderung zum Bahnhof/ Schiffsanleger folgen. Transfer: Sehr gute und einfache Rückholmöglichkeit des Autos mit der Bahn; sowohl vom Ein- als auch vom Ausstieg kurzer Fußweg von max. 5 Min. zum jeweiligen Bahnhof. Die Bahn zwischen Emmerthal und Schieder verkehrt im Stundentakt (Fahrtzeit ca. 20 Min.).
GastronomieGaststätten oder Cafés in Glashütte am Ende des Emmerstausees, in Lügde, Welsede und an der Hämelschenburg.
Tipps
Heimatmuseum Lügde. Das Heimatmuseum Lügde (Hintere Str. 86, Tel. 05281/77571, geöffnet Di–Sa 15–17 Uhr, So 15–18 Uhr) bietet einen Einblick in das Leben der Lügder Bauern in vergangenen Zeiten und die historischen Wirtschaftszweige wie Spitzenklöppelei und Zigarrenherstellung. Im Erdgeschoss werden »Gute Stube«, Wohnküche, Vorratskammer, Knechtekammer und der Stall gezeigt; im hinteren Teil ist eine historische Schlosserei untergebracht. Im Obergeschoss befinden sich das Museumscafé, die Schlafkammern des Bauernehepaars sowie das Mägdezimmer und die Kornkammer.
Verleih
Krome Kanu, Tel. 05233/3479, www.krome-kanu.de.
Unterkunft
Welsede - Welseder Hof, Welseder Str. 1, Tel. 05155/ 1381.
Tourismusbüro
Touristinformation Schieder-Schwalenberg, Im Kurpark 1, 32816 Schieder-Schwalenberg, Tel. 05282/60171, www.schieder-schwalenberg.de; Tourist- information Lügde e.V., Am Markt 1, 32676 Lügde, Tel. 05281/770870, www.tourist- informationluegde.de; Bad Pyrmont Tourismus GmbH, Europa-Platz 1, 31812 Bad Pyrmont, Tel. 05281/940511, www.badpyrmont.de.