Von Münster nach Billerbeck

Bis auf den Aufstieg zu den Baumbergen bequeme, aussichtsreiche Fahrt durch Feldfluren und Wälder auf Asphaltwegen und kleinen Nebenstraßen. (Autor: Bernhard Pollmann)
34 km
200 m
3.00 h
Vor dem altstadtseitigen Hauptausgang des Hauptbahnhofs Münster über- oder unterqueren wir die Straße und lenken geradeaus durch die Windthorststraße (anfangs Fußgängerzone), bis die von Linden und Grünanlagen flankierte autofreie Promenade kreuzt. Wir biegen rechts auf diese wunderschöne Radtouren-, Wander-, Spazier-, Jogging- und Rollerblade-Strecke ein (sie ist breit genug für alle) und sehen nach Unterqueren der ersten Straßenbrücke (hier links kurzer Abstecher zum Erbdrostenhof, einem der schönsten städtischen Adelshäuser in Münster, erbaut von Conrad Schlaun) den von der Pleistermühle herbeiführenden Westfalenradweg R1 einmünden, dessen Markierung (»R1« plus Richtungspfeile) gemeinsam mit dem Schlösser-Logo die Route bis kurz vor Havixbeck vorgibt. Am Neutor im Nordosten der Innenstadt erreicht die Promenade in der Nähe des Schlosses die erste große Straßenkreuzung, nach Queren der Straße bietet sich ein Abstecher links in die Parkanlagen von Schloss Münster an. Das ehemalige fürstbischöfliche Residenzschloss ist ein Hauptwerk des norddeutschen Barock und eines der Meisterwerke Schlauns, der mit dem Bau der 91 m langen Dreiflügelanlage 1767 begann. Nach der völligen Zerstörung 1945 wurde das Äußere des Gebäudes 1947–53 als Hauptgebäude der Universität nach alten Plänen wieder aufgebaut. Das heute als Sitz der Universitätsverwaltung fungierende Schloss ist umgeben von ausgedehnten Parkanlagen, darunter dem Botanischen Garten. Nach dem Abstecher kehren wir zurück zur 100-Schlösser-Route, fahren durch die Wilhelmstraße, übergehend in Apfelstaedtstraße, dann Horstmarer Landwehr, und erreichen nach Überqueren der Autobahn in Münster-Nienberge das Rüschhaus. Das von Schlaun 1745–49 für sich selbst erbaute Rüschhaus (heute Droste-Museum) vereinigt die Architektur münsterländischer Bauernhäuser und barocker Herrensitze. 1826–48 lebte in dem von einem Garten umgebenen Landgut zeitweise Annette von Droste-Hülshoff, die hier die Kriminalerzählung »Die Judenbuche« (1842) und viele ihrer Gedichte schrieb. Vom Rüschhaus führen die Schlösserroute und der Westfalenradweg durch die Feldflur an der ehemaligen Wasserburg Haus Vögeding vorbei zur Burg Hülshoff, der Geburtsstätte der Dichterin (1797–1848). Die von einem weitläufigen Park umgebene Zwei-Insel-Anlage ist eine der romantischsten Wasserburgen Westfalens. Als Oberhof »Zum Hülshof« wird der Rittersitz bereits im 11. Jh. urkundlich erwähnt, 1417 erwarben ihn die Vorfahren der Dichterin und ließen 1540–45 das von einer Gräfte umgebene Herrenhaus als geschlossene Renaissanceanlage errichten (neugotische Kapelle, 1870). Die Vorburggebäude mit ihren Fachwerkgiebeln und Ecktürmen stammen aus dem 16./17. Jh. Das Droste-Museum im Erdgeschoss vermittelt einen Einblick in das Leben des münsterländischen Adels zur Zeit des Klassizismus und des Biedermeier. Die weitläufigen Parkanlagen (Eintritt) laden zu ausgedehnter Rast ein.
Von Burg Hülshoff leiten Schlösserroute und Westfalenradweg weiter westwärts durch die Feldmark und trennen sich in Herkentrup an einem Radwege-Orientierungsschild: Während die Schlösserroute direkt nach Havixbeck weiterführt, folgt der Westfalenradweg der Kreisstraße zur Klostermühle und in das schmucke ehemalige Klosterdorf Hohenholte (die Stiftskirche wurde 1738 von Peter Pictorius neu errichtet und dient als katholische Pfarrkirche) und führt dann ebenfalls nach Havixbeck – bei schönem Wetter ist dies ein lohnender »Umweg«, da die gesamte Tourenstrecke ohnehin nicht lang ist. Havixbeck liegt am Fuß der Baumberge, das Baumberger Sandstein Museum ist im Rabertschen Hof, einem westfälischen Bauernhaus aus dem 18. Jh., wenige Minuten vom Ortskern entfernt, untergebracht. Es dokumentiert die Geschichte des über 1000 Jahre alten Sandsteinabbaus und die Verwendung dieses Natursteins aus den Baumbergen. Ab Havixbeck wartet eine für das Münsterland untypische Steigung auf den Olymp des Münsterlands: Vorbei an Haus Havixbeck (privat), einem Renaissancebau aus Baumberger Sandstein, führt die Schlösserroute hinauf auf die Baumberge, auf deren höchster Erhebung der steinerne Longinusturm inmitten blumengeschmückter Wiesen als Aussichtsturm fungiert – ein schöner Ort für eine Rast. Die aus Sandstein aufgebauten Baumberge bilden die höchste Erhebung des Münsterlands. Wie von einem Thron schweift der Blick auf das Land, das aus dieser Perspektive wie ein Paradies erscheint. Der Name »Baumberge« wird auf »Wodenberge« zurückgeführt, und als der agile heilige Liudger, der erste Bischof von Münster, hörte, dass hier noch alte Gottheiten verehrt würden, machte er sich ans Werk, um die Heiden auf den Baumbergen zu bekehren. Wie die Legende erzählt, traf er mitten im Wald eine schmutzige Frau, umgeben von Gänsen. Als sie klagte, dass ihr Brunnen ausgetrocknet sei, ergriff Liudger zwei Gänse, warf sie in den trockenen Brunnen und sprach: »An der Stelle, wo sie zum Vorschein kommen, wird ein Brunnen entstehen, der Wasser in Fülle gibt.« Und so, erzählt die Legende, geschah es: Die Gänse gruben sich durch die Baumberge und kamen am heutigen Ludgeribrunnen in Billerbeck wieder zum Vorschein. Die Heiden staunten über diesen Akt hoher Magie und kamen zuhauf, um sich im neuen Brunnen taufen zu lassen. Von der höchsten Erhebung des Münsterlands erfolgt die rasante, aussichtsreiche Abfahrt in Richtung der Ludgeristadt Billerbeck. Am südöstlichen Stadtrand passiert die 100-Schlösser-Route das Naherholungsgebiet Berkelquelle, ein reizvolles Gebiet mit Wanderwegen, kleinen Auenwäldern und Teichen sowie einer Kneippanlage für qualmende Füße. Wie auf einem Gedenkstein zu lesen ist, mündet das hier entspringende Flüsslein, das noch bis zu Beginn des 20. Jh. ab Coesfeld schiffbar war und bei Vreden in die Niederlande wechselt, nach 110 km in die Ijssel. Vom Berkelquellgebiet führt die 100-Schlösser-Route an der Kolvenburg, einem Herrenhaus des 15./16. Jh. (jetzt Kulturzentrum), vorbei (kurzer Abstecher) und erreicht das sehr schöne Altstadtzentrum von Billerbeck (geradeaus der Bahnhof, vgl. Tour 2), in dem allerorten an den heiligen Liudger (Ludger) erinnert wird; siehe Routenbeschreibung Tour 2. Die Ludgerus-Brunnenkapelle an der Ludgeristraße steht bei der 1541 erstmals genannten Quelle, die als Taufbrunnen Liudgers gilt.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour34 km
Höhenunterschied200 m
Dauer3.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktHauptbahnhof Münster.
EndpunktBahnhof Billerbeck.
TourencharakterMit Erbdrostenhof, Schloss Münster, Landgut Rüschhaus, Wasserburg Hülshoff und Kolvenburg berührt diese abwechslungsreiche Park-, Wald-, Wiesen- und Bergfahrt einige der berühmtesten Schlösser des Münsterlands. Zugleich führt sie über die Baumberge, die aussichtsreiche höchste Erhebung des Münsterlands. Der Zielort, die »Ludgeristadt« Billerbeck, ist einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte.
Beste Jahreszeit
KartentippRadwanderkarte 1:50000 Radelpark Münsterland, Blätter Kreis Warendorf und Kreis Coesfeld.
MarkierungenSchloss, Richtungspfeile und namentliche Ausschilderung.
VerkehrsanbindungA 1 Hansalinie Ruhrgebiet – Münster – Bremen – Hamburg. Mit der Bahn ist Münster aus allen Himmelsrichtungen erreichbar. Zwischen dem Ausgangsort Münster und dem Zielort Billerbeck besteht direkte Bahnverbindung (ohne Umsteigen).
GastronomieMünster, Hülshoff, Havixbeck, Baumberge, Billerbeck.
Tipps
Variante: Der 100-Schlösser-Routen-Strang zwischen Münster und Billerbeck sieht keine »Rundfahrt«-Möglichkeit vor, man muss auf derselben Route oder mit der Bahn nach Münster zurückkehren. Wer aber eine mehrtägige Rundfahrt plant, folgt ab Billerbeck der Schlösserroute weiter über Nottuln nach Dülmen (Tour 2) und von dort zurück nach Münster (Tour 3).
Informationen
Münster – Herz des Münsterlands Die Altstadt von Münster mit ihren Arkaden, Giebelhäusern, Kirchen und dem Prinzipalmarkt, dem »schönsten Freilichtsaal der Welt« (Ricarda Huch), zählt zu den prachtvollsten städtischen Gesamtanlagen Deutschlands – ein Wunder, denn 1945 war die Stadt zu 90% zerbombt. Anders als bei vielen anderen deutschen Städten orientierte sich der Wiederaufbau bis in Details (Parzellenbreiten, Giebelreihung) an den alten Formen, das Rathaus mit seinem filigranen Treppengiebel (14. Jh.) wurde ebenso wieder aufgebaut wie der gotische Dom aus dem 13. Jh. und das Stadtweinhaus (1615) im Stil der Spätrenaissance. Schon 1953 bezeichnete Bundespräsident Heuss Münster als die schönste Stadt Deutschlands. Die als Fuß- und Radweg eingerichtete Promenade folgt, flankiert von Grünanlagen und Parks, dem Verlauf der geschleiften mittelalterlichen Stadtmauern von Münster und ist an sich eine eigene Radtour wert, da sich alle bedeutenden Sehenswürdigkeiten des Stadtzentrums im Rahmen kurzer Abstecher erreichen lassen. Die wichtigsten seien kurz vorgestellt. Das Zentrum der Altstadt bildet der Prinzipalmarkt mit seinen Giebelhäusern, dem monumentalen gotischen Rathaus (14. Jh.) und der katholischen Stadt- und Marktpfarrkirche St. Lamberti (1375–1450). Im Friedenssaal des Rathauses wurde 1648 der Westfälische Frieden unterzeichnet, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. In den drei Käfigen am Turm der Lambertikirche hingen 1535/36 die Leichen von Johan Bockelson und zweier weiterer Anführer der Wiedertäufer; Bockelson, »König von Münster«, und Bürgermeister Knipperdolling hatten 1534 in Münster das »Täuferreich« errichtet, die Terrorherrschaft einer Sekte. Der auf eine Kirchengründung des heiligen Liudger zurückgehende Dom ist die größte westfälische Bischofskirche und der bedeutendste Sakralbau des Landes. Ludger – Heiliger des Münsterlands Der heilige Liudger ist der bekannteste Heilige des Münsterlands, seinem Namen begegnet man in der Schreibweise Ludger auf nahezu allen Radtouren (Kirchen, Brunnen, Denkmäler, Straßennamen usw.). Der in Utrecht und York ausgebildete Friese wurde 792 von Karl dem Großen mit der Missionierung der widerspenstigen Friesen und Westfalen betraut. 794 gründete er in dem alten westfälischen Ort Mimigardeford (»Furt an Mimirs Hof«) an der Aa ein Kloster (monasterium), das zur Machtzentrale seines Missionsgebiets ausgebaut wurde. Ab dem 11. Jh. wurde der alte Name dieses Ortes von der kirchenlateinischen Bezeichnung verdrängt: Anstatt »Mimigardeford« hieß der Platz an der Aa nun »Münster« (»das Kloster«). Liudgers Tätigkeit stand im Zeichen der angelsächsischen Mission, die auf die Einbindung heidnischer Vorstellungen in das christliche Glaubenskonzept zielte. Zur angelsächsischen Missionsstrategie gehörte es unter anderem, »volksnah« in der Sprache der Einheimischen, nicht auf Lateinisch, zu predigen (weshalb damals auch der Ortsname unverändert blieb); diese Volksnähe hat Liudger behalten. Um das Jahr 805 ernannte Karl der Große Liudger zum ersten Bischof von Mimigardeford. Er starb 809 im Wallfahrtsort Billerbeck, seine Gebeine wurden nach Mimigardeford überführt und beigesetzt, doch – wie die Legende berichtet – jeden Morgen stand die Totenlade auf dem Grab, aus dem eine Stimme rief: Hier wolle der Heilige nicht begraben sein. Also wurde der Leichnam auf einen Karren gelegt, und zwei Ochsen zogen ihn nach Werden über dem Ruhrtal.
Tourismusbüro
Münster Marketing, Klemensstraße 9, 48143 Münster, Tel. 0251/4922710, Fax 0251/4927743, Internet www.muenster.de. Tourist Information Billerbeck, Markt 1, 48727 Billerbeck, Tel. 02543/7373, Fax 02543/7350, Internet www.billerbeck.de.
Tags: 
Mehr zum Thema