Von Frankfurt /Oder nach Groß Neuendorf

Bis Lebus leicht bergan auf der stark befahrenen B 112. Auto- und steigungsfreie Alternative (außer bei Hochwasser) ist die – recht unwegsame – Fahrt direkt durch die Oderauen an. Ab Lebus völlig eben auf dem Oderdamm. (Autor: Michael Hennemann)
56 km
240 m
3.00 h
Von Frankfurt-Oder nach Lebus: Von der Grenzbrücke zwischen Frankfurt/Oder und Slubice auf der polnischen Seite führt die offiziell ausgeschilderte Variante zunächst auf der Uferpromenade, dann auf der Straße Am Winterhafen entlang. Hinter dem Recyclinghof steigt die Hauptroute nach links bergauf zur B 112. Auf dieser recht stark befahrenen Straße nach rechts weiter und beständig bergan (Alternativroute siehe Kasten). Hinter der Abzweigung zur Wüste Kunersdorf auf der linken Seite hier nach rechts abbiegen und durch den Wald bergab. Unten links halten und anschließend wieder leicht bergauf auf schönem Radweg auf einer Höhe mit fantastischen Ausblicken über das weite Odertal nach Lebus. Am Ortseingang rechts auf die Straße Kietzer Berg und hinab zum Oderufer. Erste Spuren einer Besiedlung an der Stelle der heutigen Stadt Frankfurt/Oder (Bhf.) (1) reichen weit in die Vergangenheit zurück: Die ältesten Funde sind Faustkeile aus der mittleren Altsteinzeit bei Vogelsang südlich der Stadt. Erstmals schriftlich erwähnt wurde sie 1226, als hier eine Siedlung am Kreuzungspunkt wichtiger Fernhandelsstraßen mit direkter Verbindung zur Ostsee entstand. Die hervorragenden Handelswege zu Wasser und zu Lande sowohl von West nach Ost als auch von Süd nach Nord ließen die Siedlung schnell zur bedeutendsten Stadt der Mark Brandenburg aufsteigen. Erst zum ausgehenden Mittelalter verlor Frankfurt seine herausragende Bedeutung an das wachsende Berlin. Das Stadtrecht erlangte die Siedlung am Oderübergang 1253 und von 1430 bis 1518 war sie Mitglied der Hanse. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wurde Frankfurt 1506 zum Sitz der ersten brandenburgischen Landesuniversität. Nachdem 1810 in Berlin die Friedrich-Wilhelms-Universität, die heutige Humboldt-Universität, eröffnet wurde, wurde die »an der Oder gelegene« Universität Viadrina 1811 geschlossen. 1991 wurde die Europa-Universität Viadrina (A) neu gegründet. Partnerschaften mit etwa 165 Universitäten auf der ganzen Welt sollen junge Menschen der unterschiedlichsten Herkunft im Herzen Europas zusammenführen. Von 1799 bis 1800 studierte der in Frankfurt/Oder geborene Heinrich von Kleist (1777–1811) für drei Semester an der Universität Viadrina. Über Leben und Werk des wohl berühmtesten Bürgers der Stadt informiert das Kleist-Museum (B) (Faberstr. 7, Tel. 0335/53 11 55, www.kleist-museum.de; Di–So 10–18 Uhr). Einen Überblick über die Stadt- und Regionalgeschichte liefert das Museum Viadrina mit seiner ständigen Ausstellung im Junkerhaus (C) (Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str. 11; Di–So 11–17 Uhr). Das Haus selbst trug ebenfalls zur Stadtgeschichte bei, denn hier wohnten die Söhne des Kurfürsten von Brandenburg während ihres Studiums in Frankfurt. Sehenswert am Marktplatz ist das gotische Rathaus (D) mit seinen filigranen Giebeln an der Süd- und Nordfassade. Es wurde ab 1253 im Stil der Backsteingotik erbaut und zu Beginn des 17. Jh. im Renaissancestil umgebaut. Es zählt zu den größten erhaltenen mittelalterlichen Rathäusern in Deutschland. Die untere Rathaushalle beherbergt das Museum Junge Kunst (Marktplatz 1, Tel. 0335/552 41 50, www.museum-junge-kunst.de; Di–So 11–17 Uhr) mit einer großen Kunstsammlung aus dem Osten Deutschlands. Ein zweites Gebäude im PackHof (E) (Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str. 11, Tel. 0335/40 15 60; Di–So 11–17 Uhr) bietet weitere Ausstellungen. Gegenüber vom Rathaus erhebt sich mit der St.-Marien-Kirche (F) (1253–1524) eine der größten Hallenkirchen der norddeutschen Backsteingotik. Sehenswert sind die Kaiserpforte (um 1375) zu Ehren Karls IV. und die Deckenmalerei von 1522 in der Sakristei. Mitten im Stadtzentrum von Frankfurt/Oder befindet sich frei zugänglich ein Landschaftspark im englischen Stil, der von 1835 bis 1845 auf den mittelalterlichen Befestigungsanlagen der Stadt angelegt wurde. Ein weiteres Naherholungsgebiet ist die Insel Ziegenwerder, die für das Projekt »Europagarten 2003« mit Naturlehrpfad, Abenteuerspielplatz und Wasserspielen zu einer grünen Oase in der Stadt umgestaltet wurde. Neben der gestalteten Parklandschaft gibt es auch naturbelassene Flächen mit alten Bäumen und stillen Ufern, die den Blick auf die Flusslandschaft und das gegenüberliegende polnische Ufer freigeben. Nördlich der Grenzbrücke befindet sich die Konzerthalle (G) »Carl Philipp Emanuel Bach« in der ehemaligen Franziskanerklosterkirche (Lebuser Mauerstr. 4; Besichtigungen täglich 9–18 Uhr, außerhalb von Proben und Konzerten nach vorheriger Anmeldung unter Tel. 0335/401 02 03) in der ehemaligen Franziskanerklosterkirche. Sie ist Sitz des Staatsorchesters und lädt das ganze Jahr über zu vielfältigem Musikgenuss ein. Die frühgotische Hallenkirche wurde ab 1270 erbaut und 1967 nach umfangreicher Rekonstruktion zu einer Konzerthalle umgestaltet. Sie vereint in gekonnter Weise Musik und Architektur und beeindruckt neben ihrer hervorragenden Akustik mit einem schönen Sterngewölbe sowie einer prächtigen Orgel. Eine Ausstellung informiert über Leben und Werk Carl Philipp Emanuel Bachs. Der zweite und berühmteste Sohn Johann Sebastian Bachs studierte von 1734 bis 1738 in Frankfurt/Oder. Von Lebus nach Groß Neuendorf: Von Lebus geht es vorbei am Biergarten des Anglerheims immer auf dem Oderdeich (oder manchmal auf einem asphaltierten Wirtschaftsweg etwas unterhalb des Dammes) entlang der Oder bis Küstrin-Kietz. Vor der Grenzbrücke links ab und nach ein paar hundert Metern nach rechts. Hinter dem Tunnel unter den Eisenbahnschienen nach rechts zurück zum Oderdeich. Vorbei am Fischer und ohne weitere Hindernisse schnurren die Reifen auf dem asphaltierten, schnurgeraden Weg auf oder neben dem Deich über Bleyen und Sophiental (hier zieht sich der Radweg etwas vom Oderuferzurück) nach Kienitz. Die Oder tritt wieder direkt neben den Deich und nun sind es noch knapp 4 km bis zum Etappenziel Groß Neuendorf. Das Erste, was man von Lebus (2) sieht, ist der weiße Turm der Pfarrkirche St. Marien von 1806 (Besichtigungen Apr.–Sept. 14.30–17 Uhr nach Absprache im Pfarramt, Schulstraße 8, Tel. 033604/51 38). Eine weitere Attraktion ist das Haus Lebuser Land (Schulstr. 7, Tel. 033604/230; Apr.–Okt. Di–Fr 10–17 Uhr, Sa/So/Fei 13–16 Uhr, Nov.–März Di–Fr 10–15 Uhr). Seit 2006 werden in diesem ältesten erhaltenen Gebäude von Lebus die abwechslungsreiche Geschichte der alten Bischofsstadt sowie Archäologie und Geologie der Region in einer liebevoll gestalteten Ausstellung präsentiert. Stadt und Land verdanken ihren Namen dem slawischen Stamm der Leubuzzi, die im 8. und 9. Jh. hier siedelten. Die Stadt selbst wurde 1225 an einem Oderübergang gegründet. Als strategisch wichtiger Ort für die deutsche Kolonisierung im Mittelalter wurde Lebus zum Bischofssitz ausgebaut, doch währte der Wohlstand nur kurz, denn im 13. Jh. wurde der Handel an die günstigere Oderfurt bei Frankfurt verlagert und der Bischofssitz nach Fürstenwalde verlegt. Übrig geblieben sind nur wenige Reste der ehemaligen Burg. Küstrin-Kietz (Bhf.) selbst ist eine Wohnsiedlung ohne besondere historische Gebäude. Der interessantere Teil liegt am gegenüberliegenden Ufer, das heutige Kostrzyn (3). Bis 1200 gehörte Küstrin zum Herrschaftsbereich Polens, um 1300 erhielt die Siedlung das Stadtrecht, und im 16. Jh. wurde eine brandenburgisch-preußische Festung erbaut. Kurfürst Friedrich Wilhelm (1640–1688) ließ die Festung während seiner Regierungszeit zu einer der modernsten und mächtigsten Europas ausbauen und die Anlagen wurden bis 1945 militärisch genutzt. Die Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und erst 50 Jahre nach Kriegsende begann man damit, die alten Bastionen wieder freizulegen. Derzeit sind Restaurierungsarbeiten im Gange, aber es sind nur wenige Reste der Festungsanlage erhalten. Eine weitere Attraktion von Kostrzyn ist der knapp zwei Kilometer südlich des Zentrums ebenfalls auf der polnischen Seite der Oder gelegene Nationalpark Warthemündung mit einem Aussichtsturm und einem Erlebnisgarten. Die ursprünglich dichten Auenwälder entlang der Flusslandschaft wurden durch die ab dem 18. Jh. durchgeführte Entwässerung, Rodung sowie Wiesen- und Weidewirtschaft in eine offene Landschaft mit Weidengebüsch und Auenwaldresten umgeformt. Das heutige, durch ein dichtes Netz von Kanälen und Flussarmen durchschnittene Wiesen- und Weideland ist ein Paradies für Vögel – und Ornithologen. Seit 2001 ist die Landschaft als Nationalpark Warthemündung auf einer Fläche von 800 Hektar geschützt. Im Parkgebiet werden über 250 Vogelarten gezählt, davon über 170 Brutvogelarten, zu denen Lappentaucher, Entenarten, Rallen, Möwen, Seeschwalben und Limikolen gehören. Im Spätherbst wird die Region zu einem bedeutenden Rastplatz nordischer Zugvögel, allen voran Saat- und Blässgänse, die hier ihre Energiereserven für den anstrengenden Flug in die südlichen Überwinterungsquartiere aufbauen. Der überwiegende Teil der Autos mit meist Berliner Kennzeichen auf der Brücke zwischen Küstrin und Kostrzyn kommt allerdings nicht, um die Festung oder den Nationalpark zu besichtigen, sondern wegen der zahlreichen preisgünstigen Supermärkte und Einkaufszentren auf polnischer Seite. Der Endpunkt dieser Tour, Groß Neuendorf (4) (Beschreibung siehe Tour 8), wird in bequemer Fahrt auf Radwegen neben oder auf dem Oderdeich erreicht.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour56 km
Höhenunterschied240 m
Dauer3.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktFrankfurt/Oder
EndpunktGroß Neuendorf
TourencharakterVom Zentrum der alten Universitätsstadt Frankfurt/Oder führt der Oder-Neiße-Radweg in das Städtchen Lebus, das im Mittelalter als Bistumssitz dem Lebuser Land seinen Namen gab. Danach geht es immer auf dem Oderdeich entlang durch die breite Oderauenlandschaft.
Beste Jahreszeit
MarkierungenRadwegweiser mit Oder-Neiße-Logo.
VerkehrsanbindungBahnverbindung Frankfurt/Oder liegt an der DB-Strecke Magdeburg–Berlin–Cottbus. Anreise mit dem Auto A 10 Berliner Ring, weiter auf A 12 Berlin–Frankfurt/Oder, Ausfahrt 9 (Frankfurt/Oder-Mitte); Parkmöglichkeiten in Odernähe südlich des Zentrums: Große Scharrnstr., Große Oderstr., Fischerstr. Rückfahrt Kein Bhf. in Groß Neuendorf. Nächster Bhf. in Letschin (ca. 8 km), von dort Verbindung nach Frankfurt/Oder mit der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH (www.odeg.info).
GastronomieBreit gefächertes Angebot in Frankfurt/Oder. Lebus: Anglerheim. Dorfgasthöfe in Bleyen und Kienitz. Groß Neuendorf: »Landfrauencafé« (Mi geschlossen) und »Maschinenhaus«.
Verleih
Frankfurt/Oder: Fahrrad Rentsch, Tunnelstr. 21, Tel. 0335/52 09 35; Fahrrad-Schondau, Winsestr. 4/4 a, Tel. 0335/32 11 84. Groß Neuendorf: Fahrradpool-Fahrradmietstation Herr Butz (Hafenstr., Tel. 033475/570 70, Sa/So 10–18 Uhr oder nach Vereinbarung), Hol- und Bringservice.
Informationen
Der Europafernweg R 1: In Küstrin kreuzt der Europaradfernweg R 1 den Oder-Neiße-Radweg. Die Euroroute R 1 führt auf über 3500 Kilometern quer durch Europa vom französischen Boulogne-sur-Mer über Belgien, die Niederlande, Deutschland, Polen, Litauen, Lettland und Estland bis nach St. Petersburg in Russland. Dabei bietet sie die einmalige Gelegenheit, Menschen, Natur und Kultur von neun europäischen Ländern im wahrsten Sinne des Wortes zu »erfahren«. Weitere Informationen zum Streckenverlauf unter www.euroroute-r1.deDer OderbruchDer Name der Landschaft zwischen den Städten Oderberg und Bad Freienwalde im Nordwesten und Lebus im Süden entlang des Unterlaufs der Oder geht auf das mittelhochdeutsche »bruoch« zurück, was »Sumpf« oder »Moor« bedeutet. Weite Teile der Landschaft liegen deutlich tiefer als der Oderspiegel und jahrhundertelang wurde die Landschaft regelmäßig von der Oder überflutet. Die ersten Siedler, der germanische Stamm der Burgunder im 4. Jh. und Slawen im 7 Jh., ließen sich daher nur auf den höher gelegenen Landstrichen nieder. Erste urkundliche Erwähnungen von Siedlungen im Oderbruch stammen aus dem 13. und 14. Jh. In der Mitte des 18. Jh. veranlasste Friedrich II. die Trockenlegung des weiten, flachen Landes, um die Versorgung Berlins mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen sicherzustellen. Straßendörfer wurden neu angelegt und Siedler aus Böhmen, Österreich und der französischen Pfalz fanden hier eine neue Heimat. Es entstanden fast 50 neue Dörfer und über 1000 Familien wurden angesiedelt. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jh. zogen die Bauern häufiger auf ihre Felder außerhalb des Dorfes, wo sie sich erste Einzelhöfe errichteten. Da die Zuteilung der Grundstücke oft im Losverfahren erfolgte, werden diese Ausgründungen bis heute als »Loose« bezeichnet und liegen als regellos verstreute einzelne Bauernhöfe zwischen den Ortschaften.
Unterkunft
Kienitz/Letschin: Naturerlebnishof Uferloos, Steffi Bartel, Deichweg 9, Tel. 033478/389 76 (Pension und Biwakplatz); Landherberge Rehkitz, Schulstr. 16, Tel. 033478/46 16 (7–14 €/Person). Groß Neuendorf/Letschin: Landfrauencafé & Pension Groß Neuendorf, Straße der Freundschaft 12, Tel. 033478/49 02 (23–30 €/Person); Restaurant & Hotel Maschinenhaus, Hafenstr. 2, Tel. 033478/ 38 77 10 (DZ 42 €/Person).
Tourismusbüro
Tourismusverein Frankfurt/Oder, Karl-Marx-Str. 189, 15230 Frankfurt/Oder, Tel. 0335/32 52 16, www.frankfurt-oder-tourist.de; Tourist-Information Oderbruch e. V., Berliner Str. 1–3, 15306 Seelow, Tel. 03346/84 98 08, www.oderbruch-tourismus.de

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