Durch das Weserdurchbruchstal

landschaftlich schöne Strecke meist auf Fahrradwegen längs der Landstraße rechts der Weser. Geringe, jedoch teilweise steile Steigungen von jeweils maximal 30 Hm. (Autor: Bernhard Pollmann)
10 km
135 m
1.00 h
Weserdurchbruchstal Am Tanzwerder vor Hannoversch-Münden vereinigen sich die Engtäler von Fulda und Werra zur Weser, die sich auf rund 40 km Länge in einem bis zu 300 m tiefen Durchbruchstal zwischen den Buntsandsteinaufwölbungen von Reinhardswald, P Bramwald und Solling eingeschnitten hat. Neben dem Fluss steigen die in der Regel bis zum Hangfuß laubwaldgeschmückten Berghänge meist so unvermittelt an, dass sie nur wenig Raum für Straßen lassen. Lediglich auf den Gleithängen der Mäander finden sich lössbedeckte Verebnungen mit Acker- und Wiesenfluren und kleineren Siedlungen. Links der Weser – dort verläuft am Fuß des Reinhardswalds die Bundesstraße (B80) – gleitet die Flussfront von Vaake mit der malerisch unter alten Bäumen gelegenen spätromanischen Kirche vorüber, wenig später das Dorf Veckerhagen mit dem Barockschloss des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel. Charakteristisch für die Ufer sind die Buhnen: rechtwinklig zum Fluss hineingebaute Kleinstdämme, die ein Auswaschen der Ufer
verhindern sollen. Das Weserdurchbruchstal reicht von Hannoversch-Münden bis in die Gegend von Bad Karlshafen: Bis dorthin sind auf dem Weser-Radweg immer wieder kurze, aber in ihrer Steilheit beachtliche Anstiege zu bewältigen, die zum Absteigen zwingen. Eine zweite Unannehmlichkeit zwischen Hann. Münden und dem Wahmbecker Weserknie ist die viel befahrene Landstraße: Ihr folgt der Weser-Radweg teils auf einem Fahrradweg in Hörweite, teils direkt auf der Straße. Hannoversch-Münden Der Weser-Radweg tangiert die Altstadt und folgt der Bundesstraße über die Pionierbrücke und dann rechts längs der Fulda. Diesen abgasreichen, lauten Auftakt kann man aber niemandem empfehlen. Unvergleichlich schöner ist es dagegen, durch die autofreie kleine Altstadt zum Marktplatz, dann über die Fußgängerbrücke zum Tanzwerder und beim Weserstein auf der Hängebrücke über die Fulda zu schieben, die Sehenswürdigkeiten zu genießen und erst an der ersten WeserStraßenbrücke auf den Weser-Radweg einzuschwenken.
Dank der verkehrsgünstigen Lage am Zusammenfluss von Werra und Fulda bestanden im Gebiet von Hann. Münden bereits in der Jungsteinzeit
Handelswege Richtung Leinetal und Thüringen; Hügelgräber belegen die kultische Nutzung in der Bronzezeit. Die Siedlung hieß in fränkischer Zeit »villa Gemundi« (Münden). Der seit 1991 amtliche Name Hann. Münden verweist auf die frühere Zugehörigkeit zum Welfenkönigreich Hannover, das 1866 von Preußen annektiert wurde. Vom Hauptbahnhof führt die Beethovenstraße zum Südostrand der Altstadt. Sie erstreckt sich mit ihrem rasterartigen Straßennetz zwischen Fulda, Werra und Weser und ist ein Fachwerktraum. Obwohl die mittelalterliche Stadtbefestigung (13. Jh., Ausbau 15./16. Jh.) 1836 geschleift wurde, sind bedeutende Reste der aus Sandbruchstein bestehenden Mauer mit den das Stadtbild prägenden Türmen erhalten, darunter das Obere Tor mit der Rotunde (1502). Die Ägidienkirche (15.–17. Jh.) mit ihrem achteckigen Turm, bekrönt von zwei Fachwerkgeschossen und einer barocken Haube (1733), ist, vom Bahnhof kommend, die erste Altstadt-Kirche am Weser-Radweg. Sie ging vermutlich aus der Pfalzkapelle eines fränkischen Königshofs hervor, der die Werra-Weser-Linie gegen die Sachsen verteidigen sollte. Der Hauptteil der Kirche wurde 1626 durch eine Pulverexplosion zerstört und danach in der heutigen Form wieder aufgebaut. Eine der barocken Grabplatten an der Nordseite der Kirche erinnert an Dr. Eisenbarth, den berühmtesten Einwohner der Stadt: Er wurde 1727 in einer Gruft im Chorraum mitten vor dem Altar beigesetzt. Johannes Andreas Eisenbarth (1663–1727) war einer der erfolgreichsten deutschen Ärzte und dazu der erste, der seine Tätigkeit mit einer derart geschickten Werbestrategie verband, dass »Doktor Eisenbarth« zum Markenartikel wurde: Das Volk sah ihn als Wunderdoktor an, seine weniger erfolgreichen Kollegen versuchten ihn dagegen als Quacksalber und Kurpfuscher zu diffamieren. Das Spottlied »Ich bin der Doktor Eisenbarth, kurier' die Leut' nach meiner Art« bezieht sich auf seine oft unkonventionellen Methoden bei seinen erfolgreichen Kropf-, Hoden- und Staroperationen. Eisenbarths Wirken ist an über 100 Orten nachweisbar. Weltliche und geistliche Fürsten überhäuften ihn mit Auszeichnungen, Titeln und Ehren. In seinen Glanzzeiten reiste er mit 120 uniformierten Bediensteten und der entsprechenden Zahl von Fahrzeugen durchs Land. Trommelwirbel und Trompeten erklangen, wenn der Tross auf den Märkten eintraf. Waren die Leute zusammengelaufen, entstieg Eisenbarth seiner Prunkkarosse, in der Hand den Ärztestab, und stellte sich der Menge vor: »Ich bin der berühmte Eisenbarth!« Dann begann die Operationsshow: Feuerspeier, Degenschlucker, Schlangenbeschwörer, schöne Frauen und Männer belustigten mit ihren Späßen das Volk, während Eisenbarth in einem Krankenwagen oder im Zelt operierte. Narkose war damals unbekannt, laute Musik übertönte die Schmerzensschreie der Patienten. Arme behandelte Eisenbarth umsonst, dafür kassierte er bei Reichen umso mehr. Im Zentrum des Altstadtkerns erheben sich am Marktplatz das Weserrenaissance-Rathaus und am Kirchplatz die evangelische Blasiuskirche, eine dreischiffige Hallenkirche mit spätgotischem Langhaus (1487–1502). Letztere prägt mit der Renaissancehaube des 1584 vollendeten Turms und dem gewaltigen Satteldach die Silhouette der Altstadt. Ab dem 13. Jh. wurde sie über brandzerstörten romanischen Vorgängerbauten errichtet; diese wiederum standen über einem frühchristlichen Gräberfeld. Das frühgotische Rathaus am Marktplatz wurde 1603–1619 zu einem Prachtbau der Weserrenaissance mit Schmuckfassade umgebaut. Seit dem Mittelalter ist es Sitz der Obrigkeit, heute finden sich hier zusätzlich Ausstellungsräume, das Standesamt und die Tourist-Information. In der unteren Rathaushalle, dem ehemaligen »Koph-Hus« (Kaufhaus), stellen Wandmalereien Szenen aus der Stadtgeschichte dar. Auf der Nordseite erklingt täglich um 12:00, 15:00 und 17:00 Uhr ein Glockenspiel, dessen Figurenumlauf eine Szene aus dem Leben von Doktor Eisenbarth darstellt. Folgt man vom Marktplatz der Langen Straße zur Werra, gelangt man zur Alten Werrabrücke. Das aus Sandsteinquadern errichtete Bauwerk, 1329 erstmals urkundlich erwähnt, ist die älteste erhaltene Steinbrücke des Oberweser- und Werragebiets. Von der Bogenbrücke sind noch fünf Joche erhalten, die steinerne Brüstungsmauer wurde bei der Sanierung in den 1980er-Jahren nach historischen Ansichten rekonstruiert. Das weitläufige Welfenschloss auf einer Erhebung am Südufer der Werra unweit der Brücke ist einer der frühesten Bauten der Weserrenaissance und beherbergt heute u.a. das Mündener Stadtmuseum. Vom Marktplatz am Rathaus führt die Mühlenstraße zu den historischen Schlagden an der Fulda. Die Schlagden waren befestigte Uferplätze zum Aus- und Umladen der Frachten. Durch den Schleusenbau von 1868 verloren sie ihre Bedeutung. Klassizistische Packgebäude finden sich an der Bremer Schlagd (1837) an der Fulda sowie an der Wanfrieder Schlagd (1839/40) an der Werra (heute Ausstellungsgebäude). Bremer Schlagd und Tanzwerder sind durch die Mühlenbrücke, eine überdachte Fußgängerbrücke, miteinander verbunden.
Tanzwerder nennt man die Halbinsel zwischen Werra und Fulda, vor der die Weser entsteht. Sie fungiert als Großparkplatz, Veranstaltungsgelände und Anleger für Schiffsrundfahrten; der breite Saum aus Laubbäumen, Büschen und Grünanlagen lädt zu einem Drei-Flüsse-Spaziergang längs Werra, Fulda und Weser ein. Gimte Auf dem Tanzwerder empfiehlt es sich (weil autofrei), beim Weserstein auf der Hängebrücke ans linke Ufer der Fulda zu wechseln und dort dem Weserpfad zunächst rechts, zuletzt links (Kapellenweg) zu folgen, um dann auf der Bundesstraßenbrücke (B3) die Weser zu überqueren. Danach folgt der Weser-Radweg der B3 links (Göttinger Straße) und zweigt gleich links in die Glimter Straße ab, übergehend in die Berliner Straße. Das ehemalige Fischer-, Flößer- und Leineweberdorf Gimte wurde 1973 in die Stadt Hann. Münden eingemeindet. Das Bildungsinstitut der Polizei, das Logistikzentrum Niedersachsen und zahlreiche Industriebetriebe prägen heute das Ortsbild um die alte Marienkirche (1300). Hilwartshausen Auf der Berliner Straße (Landstraße) verlässt der Weser-Radweg Gimte, führt zwischen Wald und Grünflur zur Brücke über das Schedetal und erreicht Eichhof, das ehemalige Vorwerk des einstigen Klosters Hilwartshausen. Kurz dahinter liegt eine Raststelle mit schönem Blick hinüber zum Reinhardswald. Weserfähre Hemeln–Veckerhagen Zwischen dem niedersächsischen Fachwerkdorf Hemeln am Fuß des Bramwalds und dem hessischen Schloss- und Fachwerkdorf Veckerhagen am Fuß des Reinhardswalds pendelt ab Hann. Münden die einst erste Fähre über die Weser. Rund 100000 Menschen jährlich nutzen die als Brückenersatz fungierende Fähre. Im Sommer ist das »Gasthaus zur Fähre« ein beliebter Motorradtreffpunkt. Wer mit der Fähre nach Veckerhagen übersetzt, kann prinzipiell einen Rundkurs zurück nach Hann. Münden fahren: Der Fahrradweg auf der linken Seite des Flusses folgt allerdings durchgehend der Bundesstraße. In Hemeln gibt es einen Campingplatz, im gegenüberliegenden Veckerhagen zwei Hotels.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour10 km
Höhenunterschied135 m
Dauer1.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktHann. Münden Hbf.
EndpunktWeserfähre Hemeln-Veckerhagen.
TourencharakterVon Hannoversch-Münden mit seinen 700 Fachwerkhäusern am Ursprung der Weser folgt der Weser-Radweg dem Engtal des Flusses am Fuß des Bramwalds durch den Naturpark Münden in das Fachwerkdorf Hemeln, wo die erste Weserfähre ab Hann. Münden ins gegenüberliegende Veckerhagen pendelt.
Beste Jahreszeit
KartentippRadwanderkarte Niedersachsen 1:75000, Blatt 28 Göttingen/Kassel (Landesvermessung + Geobasisinformation Niedersachsen).
VerkehrsanbindungHann. Münden ist mit der DB ab Kassel und Göttingen rasch erreichbar. Die Zielorte Hemeln/Veckerhagen haben keinen Bahnanschluss; der nächste Bahnhof befindet sich in Bodenfelde (siehe Tour 2), dort besteht die Möglichkeit, mit der Bahn via Göttingen nach Hann. Münden zurückzufahren. Von Veckerhagen fährt das Fahrgastschiff »Hessen« in ca. 21/2 Std. nach Hann. Münden; der Fahrplan der »Hessen« ist bei der Kurverwaltung in Bad Karlshafen zu erfragen (siehe Tourist-Info bei Tour 3).
GastronomieHann. Münden (zahllos), Gimte, Hemeln, Veckerhagen.
Tipps
Ausflug zur Tillyschanze: Der neugotische Aussichtsturm Tillyschanze (1881–1885) am Rabanenkopf im südöstlichen Steilhang des Reinhardswalds bietet einen umfassenden Rundblick und ist vom Tanzwerder aus in knapp einer Viertelstunde erreichbar. Der Name des Aussichtsturms geht auf den katholisch-kaiserlichen Feldherrn Johann Tserclaes von Tilly zurück, der während des Dreißigjährigen Kriegs am 30./31. Mai 1626 Münden eroberte und ein Massaker veranstaltete, das als »Blutpfingsten« in die Geschichte der Stadt einging: 2260 Menschen wurden niedergemetzelt, die Stadt fast völlig zerstört.
Informationen
Der Bramwald im Naturpark Münden ist der oberste Bergzug rechts der Weser; seine höchste Erhebung ist der Totenberg (408 m). Das geschlossene Waldgebiet umfasst rund 8500 ha und ist bis auf die Randlagen unbewohnt. Wie Teile des gegenüberliegenden Reinhardswalds wurde auch der Bramwald bis ins 19. Jh. als Hudewald genutzt.
Tourismusbüro
Tourist-Information Hann. Münden, Rathaus, Lotzestraße, 34346 Hann. Münden, Tel. 0 55 41/7 5313, Internet www.hann.muenden.de; Gemeindeverwaltung Reinhardshagen, Amtsstraße 10, 34359 Reinhardshagen, Internet www.reinhardshagen.de.
Tags: 
Mehr zum Thema