Outdoor – mehr als Bewegung um der Bewegung willen

Draußen sein: Für die meisten Outdoor’ler ist das mehr als „nur“ ein Sport, sondern ein Lebensgefühl. Doch wie vermittelt man das jemandem, für den draußen zu sein nur mit schlechtem Wetter und nervigen Insekten zu tun hat?
 
Für Faule ist Outdoor ein Hinderungsgrund – dabei ist es eigentlich die perfekte Ausrede, um guten Gewissens faul zu sein. © fotolia.com/Sergey Khamidulin
Für Faule ist Outdoor ein Hinderungsgrund – dabei ist es eigentlich die perfekte Ausrede, um guten Gewissens faul zu sein.
Die meisten von uns haben eine solche Person im Bekanntenkreis. Eigentlich ein ziemlich netter Zeitgenosse. Wenn derjenige nicht zu dem Personenkreis gehörte, für den der Philosoph Elmar Kupke einst einen satirischen Nachruf schrieb:

„Er war so faul, dass er schon vom Liegen Seitenstechen bekam“

Wenn man dieser Person, nennen wir sie „den Faulen“ davon berichtet, wie man im Urlaub bei der Wanderung zum Bodenschneidhaus den grandiosen Ausblick genoss, sich per Kanu durch praktisch unberührte Fluss-Seitenarme schlängelte oder unterm Sternenzelt Nächte fernab der Zivilisation vollbrachte, kann der Faule nur mit dem Kopf schütteln. Für ihn ist die Hüttenwanderung bloß mit schmerzenden Beinen und müdem Rücken verbunden. Die Ruhe des Kanufahrens wird bei ihm dauerhaft durch die Geräusche surrender Stechmücken gestört. Und beim Schlafen unter Zelt oder Tarp denkt er nur an die gigantische Distanz zum nächsten Fernseher und einem „richtigen“ Bett. Kurzgesagt ist der Faule so weit von seinen natürlichen Wurzeln entfernt, wie es nur geht. Doch wie überzeugt man einen solchen Charakter? Geht das überhaupt? Der folgende Artikel versucht es.

Vom Faulsein

Zunächst soll mit einem weitverbreiteten Irrglauben aufgeräumt werden. Denn im Gegensatz zum Volksglauben ist Faulheit (die dauerhafte Unlust, sich freiwillig zu bewegen) weder anerzogen noch böser Wille.

Vielmehr verhält es sich so, dass der Mensch evolutionär darauf trainiert ist, bei allem was er tut, die wenigsten Kalorien zu verbrauchen –bewiesen durch eine kanadische Studie. Was vor Urzeiten lebensnotwendig war, ist indes heute der Grund für Volkskrankheiten von Übergewicht bis Rückenproblemen – unsere Gene gereichen uns, nachdem wir unser Leben so bequem wie möglich eingerichtet haben, hier zum Nachteil, weil sie erst für das Faulsein verantwortlich sind.

Nun sind Menschen unterschiedlich – ebenso wie der Faule am liebsten auf der Couch gammelt, können andere nicht genug Bewegung jeglicher Art bekommen. Und ebenso ist das Netz voll von Ratgebern, die mit einem „Yeeeaaah, Beweeeguung, jippieee“-Ansatz Motivation schaffen wollen, wo keine ist. Bloß wirken diese Tippgeber in den seltensten Fällen, weil sie von Menschen geschrieben wurden, die bereits Spaß an Bewegung haben. Die können sich in die Lage eines Faulen ebenso wenig versetzen, wie der bürgerliche Abstinenzler in das Leben eines Junkies.


Glückliche, sportliche, gutaussehende Menschen – mit solchen Bildern lockt man keinen echten Faulen hinter dem Ofen hervor. © fotolia.com/Boggy

Nein, wer einen Faulen für das Outdoor-Leben begeistern will, der erntet nur etwas, wenn er es ihm ermöglicht, dass es irgendwann von selbst „klick“ in seinem Kopf macht. Und das schafft man durch Hartnäckigkeit bei den folgenden Argumenten.

1. Mittendrin statt nur dabei

Wer wandern geht, der erlebt Panoramabilder von Landschaften und Natur live und ungefiltert – während ihm frische Luft um die Nase weht. Wer mit dem Kanu über ein Flüsschen paddelt, ist praktisch auf Augenhöhe mit Fisch und Landgetier und wenn man nachts seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hat, sieht man, wie exorbitant und majestätisch die Sternenzahl auch im streulichtverschmutzten Mitteleuropa noch ist. 


Natur ist mehr als ein sonniges Postkartenpanorama – sie ist oftmals schroff aber keine ihrer Facetten ist nicht majestätisch und imposant. © fotolia.com/horimono

Was man im Fernsehen gezeigt bekommt, ist immer nur eine Auswahl – von Fremden getroffen und für die Zuschauer meist in ziemlich verzerrter Sichtweise, je nach Narrative der Sendung, dargestellt. Echte Natur ist aber grundsätzlich wesentlich extremer. Sie ist schroffer aber auch lieblicher, drückend heiß oder frierend kalt. Sie ist nichts für Kompromisssucher, sondern für Überwinder. Outdoor gibt es zwar weniger Bequemlichkeit, dafür aber auch viel direktere Eindrücke in jeglicher Form.

2. Für Equipment-Tüftler

Jeder, der schon mal einen Outdoor-Katalog in der Hand hatte, weiß, dass man in jedem Zweig dieses Hobbies ohne mit der Wimper zu zucken tausende Euros versenken kann. Was auf den ersten Blick ein Nachteil ist, ist auch oftmals ein „faules“ Argument: „Ich zieh mir doch keine schreiend bunten Jacken an und laufe dann wie ein Clown durch die Natur“ ist ein oft gehörtes Statement, das auf die fraglos derzeit recht farbenfrohe Outdoorkleidung abzielt.  

Doch ebenso wahr ist, dass dank der Vielfalt dieses Systems man sich zwar so ausrüsten kann, aber eben nicht muss:
  • Wem es Spaß macht, der kann sich mit entsprechender Kleidung wie ein Wanderer Anno 1910 in Wolle und Cord kleiden
  • Wer es ganz billig haben will, besorgt sich im nächsten Militaria-Shop alte Bundeswehrhosen für einstellige Eurobeträge
  • Wer geschichtsinteressiert ist, kann am eigenen Leib mit einem Leinenzelt ausprobieren, wie die Söldner des dreißigjährigen Krieges nächtigten
So wird es möglich, das Outdoor-Hobby für sich persönlich zurechtzuschneidern. Niemand zwingt einen, sich in schreiend Buntes zu kleiden – das ist nur derzeitige Mode und wird in einigen Jahren wieder von gedeckten Farben abgelöst werden. Notfalls kauft man die Stücke eben nicht im Outdoorgeschäft, sondern bei einem Jagdausrüster – da ist Buntes längst Vergangenheit und wird es auch bleiben. 

Die Möglichkeit, Outdoor in genau der Ausrüstung zu erleben, die einem gefällt, unterscheidet diese Draußen-Hobbies von praktisch allen anderen Sportarten – man braucht nur feste Schuhe.

3. Schritt für Schritt den Burger verdient

Schön auf der Couch, dazu ein dicker Hamburger und lecker Pommes. Beim Faulen schwingt hier immer das schlechte Gewissen mit. Denn er weiß, dass er sich mit diesen Leckereien Pfunde anfuttert, die kaum wegzubekommen sind.

Und genau hierin liegt ein weiterer Pro-Outdoor-Aspekt, den viele nicht auf dem Schirm haben. Wandern etwa ist ähnlich anstrengend wie Joggen und verbrennt auch ebenso viele Kalorien. Warum gibt es wohl auf so vielen Hütten besonders deftige Speisen? Richtig, weil viele Wanderer ebenfalls keine Kostverächter sind und genau wissen, wie gut ein saftiges Schnitzel mit einem Berg Pommes mundet. Die wenigsten betreiben Outdoorsport als Hochleistungsdisziplin, bei der man sich nur nach einem genau festgelegten Ernährungsplan verpflegen darf wie ein Ironman-Teilnehmer.  


Wander-Brotzeiten sind legendär deftig;  bloß eliminiert die anstrengende Wanderung jeglichen Grund für ein schlechtes Kalorien-Gewissen. © fotolia.com/defpics

Bloß erkauft man sich durch den Gang vor und nach dem Genuss durch den Kalorienverbrauch das Recht, sich solche lukullischen Genüsse frei von jeglichem schlechten Gewissen einzuverleiben und selbst das große Weizenbier hat noch Platz, weil man das auf dem Rückweg locker ausschwitzt – und die schöne Aussicht samt der Möglichkeit, anderen Faulen dies per Facebook-Post unter die Nasen zu reiben, gibt’s kostenlos dazu.

4. Der Wiedergutmacher

Es gibt nur wenige Menschen, die nicht alt werden wollen. Die große Masse hat nur Angst davor, irgendwann einsam und vor allem vor lauter Altersgebrechen unselbstständig herum zu vegetieren. Und auch hier ist Outdoor die große Antwort. Denn regelmäßiges Training – und nichts anderes sind Outdooraktivitäten – verlängert zwar nicht das Leben, aber es verhindert, dass einen die Altersgebrechen einholen. Man wird zwar nicht älter durch das Draußensein, aber man reduziert mächtig die Risiken für die Gesundheit – wissenschaftlich bewiesen.


Outdoorsport verlängert vielleicht nicht das Leben – aber er macht das Altern auf jeden Fall wesentlich weniger schmerzhaft.  © fotolia.com/cromary

Das liegt an einer hormonähnlichen Substanz, die Gehirnzellen zur Weiterentwicklung zwingt. Bei der Studie hatten die aktiven Tiere ein deutlich höheres Level dieser Substanz. Sie waren in ihren Bewegungen nicht nur koordinierter als die Kontrollgruppe, sondern blieben es auch im hohen Alter.

Auf den Faulen umgelegt bedeutet das, dass er durch die jetzige Bewegung nicht nur bisherige „Sünden“ wieder gut macht, sondern sich auch bei diesem Thema das Recht erkauft, abseits des Outdoorlebens faul zu sein – er hat dann ja einen Ausgleich.

5. Das Leben mal richtig spüren

Klar wird man draußen von Mücken gepiesackt – allerdings auch längst nicht jeder – und natürlich schrammt man sich auch mal die Ellbogen auf. Und ja, nach einer mehrstündigen Wanderung ist man richtig durchgeschwitzt und die Knochen tun einem weh. Hier muss man sich nichts vormachen. 

Aber, was Faule oft verkennen, all diese Zwicks und Zwacks sind das echte Salz in der Suppe. Klar unterscheidet sich ein vom Wandern schmerzender Rücken nicht wirklich von einem, der nach einem „durchcouchten“ Wochenende Pein bereitet – wohl aber das Erlebnis, das damit verbunden ist.

Läufer kennen das „Runner’s High“ – einen euphorischen Zustand, der eintritt, wenn man die Leistungsgrenze passiert hat und völlig schmerzlos wie auf Wolken zu laufen scheint. Dieses Hochgefühl entsteht durch Endorphine die ab einer bestimmten Belastung ausgeschüttet werden und dafür sorgen, dass:
  • Schmerzen in den Hintergrund treten
  • Anstrengung sich weniger dramatisch anfühlt
  • Die Leistung noch ein Quäntchen gesteigert werden kann

Natürlich ist Wandern anstrengend – aber gerade die dabei ausgeschütteten Hormone sorgen auch für gute Laune. © fotolia.com/kristinaloz

Auch hier ist wieder die Evolution schuld, die somit unseren Vorfahren die letzten Leistungsreserven auf Jagd oder Flucht ermöglichte. Bloß fühlt sich das Runner’s High auch unglaublich gut an – manche sagen sogar, es mache süchtig. Und sie haben recht, denn Endorphine und Serotonin machen in großen Mengen Lust auf mehr.

Fazit

Wer wirklich faul ist, der lässt sich nicht durch übliche Motivationssprüche zu einem Outdoorfan machen. Das geht nur dadurch, dass man ihm bewusstmacht, dass Wandern, Kanufahren, und sämtliche anderen Aktivitäten draußen kein Gegensatz zum Faulsein sind, sondern es unterstützen, indem sie Kalorien verbrennen, Muskeln trainieren und gute Laune fördern. Ja, für Faule kann Outdoorsport sogar eine richtig gute Ausrede sein – man darf ja faul sein, schließlich hat man ja erst eine dreistündige Wanderung absolviert.

 
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